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23.03 - 07.00 Uhr ARD Infonacht
Die Präsidenten der G7-Staaten posieren gemeinsam vor einer Bergkulisse auf Schloss Elmau.

Der Westen vergewissert sich seiner selbst

Es ist unerlässlich, dass die westlich geprägten Demokratien jetzt beteuern: Wir stehen zusammen. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, war das G7-Treffen ein Erfolg, meint Yassin Musharbash.

Von Yassin Musharbash

Es gibt Ereignisse, die alles in Frage stellen. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 gehörten dazu. In ihrer Folge rief die NATO zum ersten Mal den Bündnisfall aus. Und in den Foltergefängnissen von Abu Ghraib und Guantanamo machten die USA anschließend Bekanntschaft mit dem dunklen Teil ihrer eigenen Seele.

Elitärer Verein ohne Rücksicht auf Verluste Dritter

Putins Angriffskrieg auf die Ukraine ist epochaler. Al-Qaida hatte nie das Potenzial, einen Weltkrieg auszulösen; Russlands Präsident kokettiert damit. Bin Laden hätte die Ordnung der Welt gerne ausgehebelt, Putin hat es getan.

Eine solche Herausforderung trifft die gesamte Welt; deshalb ist es folgerichtig, dass die Frage, wie man reagieren soll, uns nicht nur im Rahmen von EU, NATO oder UNO beschäftigt, sondern auch - so wie in den vergangenen Tagen im bayerischen Elmau - als einen der G7-Staaten. Auch wenn die G7 in den fetten Jahren kaum mehr waren als ein elitärer Verein zur Förderung der Globalisierung ohne Rücksicht auf Verluste Dritter.

Das Treffen in Elmau war ein Erfolg

Das Ende der bisherigen Weltordnung - das klingt abstrakt. In Wahrheit ist es sehr konkret. Es bedeutet, dass es keine verlässlichen Regeln mehr gibt. Eben deshalb ist es unerlässlich, dass sich die westlich geprägten Demokratien wenigstens ihrer selbst vergewissern. Bei jeder Gelegenheit. Dass sie einander in die Augen sehen und beteuern: Wir stehen zusammen. Wir schreiben neue Regeln, an die wenigstens wir uns halten wollen.

Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, war das Treffen in Elmau ein Erfolg. Solidarität mit der Ukraine. Und zugleich weitere Signale: Der Kampf gegen den Klimawandel wird nicht geopfert. Der Blick auf Schwellenländer und den globalen Süden wird geweitet. Gut so.

Einigkeit ist eine Momentaufnahme

Trotzdem, eine anwendbare Lehre aus dem "war on terror" gibt es: Es ist wichtig, genau zu definieren, was wir erreichen wollen. Und wie. Die derzeitige Einigkeit ist eine Momentaufnahme; sie muss immer wieder überprüft werden.

Ansonsten droht eines Tages, was nach 20 Jahren in Afghanistan geschah: ein würdeloses Runterschlucken der eigenen Werte, als es uns zu mühsam wurde.

Der Westen vergewissert sich seiner selbst

WDR 5 Politikum - Kommentar 28.06.2022 02:07 Min. Verfügbar bis 28.06.2023 WDR 5 Von Yassin Musharbash


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Redaktion: Consuelo Squillante