Deutschland zieht Fachleute nicht an

Ein als Schweißer ausgebildeter Mann aus Somalia arbeitet an einem Stahlsegment

Deutschland zieht Fachleute nicht an

Von Gregor Peter Schmitz

Die Große Koalition ringt sich durch, Fachkräften die Einwanderung gesetzlich zu erleichtern. Aber wollen die wirklich kommen? Um attraktiv zu sein, bräuchte Deutschland eine andere Willkommenskultur, meint Gregor Peter Schmitz.

Deutschland ist ein Land des Mangels. Das ist die traurige Nachricht. Einer der reichsten, einer der innovativsten Industrienationen des Planeten mangelt es an: qualifizierten Arbeitskräften. Viele Stellen sind derzeit einfach nicht besetzt, weil Unternehmen landauf, landab vergeblich nach kompetenten Mitarbeitern suchen. Das hat erst den Boom abgemildert und kann nun den Abschwung verschärfen. 

Sachliche Diskussion kaum möglich

Deutschland kann diesen Mangel aber beheben. Das ist die gute Nachricht. Denn die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte lässt sich ankurbeln. Ein erster Schritt – hoffentlich noch vor der parlamentarischen Sommerpause – ist die Verabschiedung des „Fachkräftezuwanderungsgesetzes“, das vor allem Wirtschaftsverbände seit langem fordern.

Aber leider ist in diesen Tagen eine sachliche Diskussion über gezielte Einwanderungspolitik in Deutschland kaum noch möglich – zu roh wirken die Wunden der aufgeheizten Migrationsdebatte. Dabei sind die Fakten unbestritten: Das demographisch schrumpfende Deutschland braucht Zuwanderung, vor allem die besonders qualifizierter Arbeitskräfte. Dabei kann das geplante Gesetz helfen.

Zwänge abbauen und Leistungswillige fördern

Jedoch wird kein Gesetz der Welt helfen, wenn wir zugleich weiter falsche Signale senden und Deutschland unattraktiv machen für besonders qualifizierte Ausländer. Wenn wir also keine Willkommenskultur für Höchstleister hinbekommen. Die verhindern bislang etwa bürokratische Zwänge und Volten, in denen unsere Ämter besonders gut sind. Genauso schädlich ist aber auch die aktuelle Neigung mancher, das Gesetz als Faustpfand für schärfere Abschiebungen zu benutzen. Dass jene gehen müssen, die eine Gefahr sind oder keinen Anspruch auf Asyl haben, ist unbestritten. Aber wenn man das mit der gezielten Anwerbung qualifizierter Fachkräfte verknüpft, gerät aus dem Blick, wie wichtig diese Zuwanderung für sich genommen ist.

Und schließlich steht einer Höchstleister-Willkommenskultur auch die Untugend der vorigen Jahre im Weg, durch strenge Auslegung von Regeln ausgerechnet jene abzuschieben, die besonders leistungswillig sind und sich gut integriert haben. Darüber beschweren sich gerade im wirtschaftlich boomenden Süden Wirtschaftsverbände oder Handwerkskammern schon lange lautstark.

Keine Zeit zu verlieren im Wettbewerb um Talente

Deutschland hat lange gebraucht, um sich zur Erkenntnis durchzuringen, dass es ein Einwanderungsland ist. Es hat nicht mehr genau so viel Zeit, um sich als offenes Land für die Qualifiziertesten dieser Welt zu präsentieren. Denn im weltweiten Kampf um Talente wollen die Besten längst nicht mehr zwangsläufig zu uns – wir müssen aktiv um sie werben.

Deutschland zieht Fachleute nicht an

WDR 5 Politikum - Kommentar 09.05.2019 02:27 Min. Verfügbar bis 08.05.2020 WDR 5 Von Gregor Peter Schmitz

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Redaktion: Morten Kansteiner

Stand: 09.05.2019, 14:48