Live hören
Jetzt läuft: Mama Jo (Instrumental) von Max Doblhoff
10.00 - 10.04 Uhr WDR aktuell

Einzeltäter in "guter Umgebung"

Gemeinsame Demonstration von AfD und Pegida in Chemnitz

Einzeltäter in "guter Umgebung"

Von Albrecht von Lucke

Pegida-Gründer Lutz Bachmann hat in Dresden ähnlich antisemitische Hetze verbreitet wie der Halle-Attentäter im Netz, kommentiert Albrecht von Lucke. Mit dabei: Landtagsvizepräsident André Wendt von der AfD. Die Partei müsse sich jetzt scharf von Neonazis abgrenzen, wenn sie noch als demokratisch gelten will.

Eines lehren die Morde von Halle zuallererst: Am Ende des rechtsradikalen Denkens sind immer noch die Juden schuld gewesen. Der Feminismus sei der Grund für niedrige Geburtenraten im Westen, so der vermeintliche Einzeltäter Stephan B., was wiederum die Massenimmigration zur Folge habe. "Und der Grund für all diese Probleme ist der Jude", so Stephan B. im O-Ton.

Doch sein eliminatorischer, auf Auslöschung zielender Wille richtete sich nicht gegen Juden allein, sondern letztlich gegen alle, die anders sind. Nachdem er in die Synagoge nicht eindringen konnte, mordete er deshalb wahllos weiter - erst eine Passantin und dann im nächstgelegenen Döner-Laden.

Vermeintlicher Einzeltäter, aber keinesfalls allein

Stephan B.s kruder Verschwörungszusammenhang zeigt: Auch, wenn es sich um einen vermeintlichen Einzeltäter handelt, ist dieser keineswegs allein - und nicht ohne den gewaltigen Resonanzraum denkbar, in dem diese Verschwörungstheorien heute bestens gedeihen. Und zwar nicht nur im Internet, sondern längst auch auf den Straßen und Plätzen dieser Republik.

Wie sehr Rassismus und Antisemitismus wieder diskursfähig sind, zeigt die jüngste, viel zu wenig beachtete Rede des Pegida-Gründers Lutz Bachmann. Er hat sie nur zwei Tage vor den Morden von Halle, am vergangenen Montag, gehalten. In Dresden bezeichnete Bachmann Klimaaktivisten, Umweltschützer und deren Unterstützer als "Volksschädlinge", "Parasiten" und "miese Maden" - oder zusammenfassend schlicht als "grünen, linken und extremistischen Müll".

Sie alle stünden auf der "entarteten Seite" eines Grabens, den sie durch die Gesellschaft zögen und der sie von den "Guten" trenne. Man müsse, so Bachmann wortwörtlich, die Anhänger solcher Überzeugungen in den Graben werfen und diesen zuschütten, damit die noch nicht gänzlich Verdorbenen wieder zu den Guten gelangen könnten.

Volksschädlinge, Parasiten, Entartung - das ist das originäre antisemitische NS-Vokabular. Doch dafür erntete Bachmann keinesfalls Protest, sondern johlenden Beifall seiner Zuhörer. All das zeigt, wie sehr sein Gedankengut zum Allgemeinplatz geworden ist und mit der AfD längst einen Platz im Parlament gefunden hat.

AfD muss sich von Rassismus und Antisemitismus klar distanzieren

Zur Erinnerung: Auf dem Gedenkmarsch von Chemnitz vor gut einem Jahr lief Lutz Bachmann an der Seite von Björn Höcke und aller ostdeutschen AfD-Größen. Das Signal war klar: Es passt kein Blatt Papier zwischen Pegida und die AfD. Insofern ist es kein Zufall, dass der sächsische Landtagsvizepräsident André Wendt von der AfD wie auch der AfD-Landesvorsitzende Jörg Urban an der Pegida-Demonstration am Montag teilnahmen.

Nach den Morden von Halle muss nun eines völlig klar sein: Die AfD muss sich von Rassismus und Antisemitismus klar distanzieren - und damit auch von Pegida. Tut sie das nicht, hat sie den Anspruch, als eine wirklich demokratische Partei behandelt zu werden, endgültig verloren - auch wenn sie demokratisch gewählt wurde.

Redaktion: Isabel Reth

Stand: 10.10.2019, 15:44