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Empörung kann Teil einer Kampagne sein

Eine Computertaste mit der Aufschrift Hass

Empörung kann Teil einer Kampagne sein

Von Vera Linß

Was kann man rechten Diskursstrategien im Netz entgegensetzen? Zuletzt hat der WDR in der Debatte um das "Umweltsau"-Satire-Video erlebt, wie Empörung auch aufgebaut wird. Strategien müssen her, meint unsere Medienkolumnistin Vera Linß.

Der Anlass kann manchmal ganz banal sein. Vor genau einem Jahr – am 1. Januar 2019 – twitterte die ZDF-Journalistin Nicole Diekmann: "Nazis raus" … und präzisierte auf die Nachfrage, wer denn gemeint sei: "Jede/r, der nicht die Grünen wählt."

Im Internet sind rechte Gruppen besonders aktiv

Der Scherz kam nicht bei allen an. Die Folge: Hass, Beschimpfungen, Vergewaltigungs- und Morddrohungen innerhalb kürzester Zeit. Ähnlich verlief der Shitstorm um das Satire-Video des WDR Ende letzten Jahres. In dem Video war der Kinderliederklassiker "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" umgedichtet worden. Beiden Fällen auch gemeinsam:

Vor allem rechte Accounts haben die Empörungsmaschine in Gang gesetzt, so das Ergebnis von Spiegel-Recherchen. Zum Ablauf sagt der Autor Patrick Stegemann, zitiert von Spiegel Online: "Statt einer ausgefeilten Strategie würden hinter der "Empörungsrampe" … vor allem Masse- und Netzwerkeffekte stehen. Es gebe sehr viele rechte Gruppen, so Stegemann, "ein rechtes Ökosystem", das die empörungswilligsten Narrative sehr schnell über verschiedene Plattformen hinweg transportiere, über YouTube oder Twitter, aber auch Messenger wie Telegram.“

Soziale Medien können wie ein Katalysator wirken        

Soziale Medien sind besonders geeignet für Empörungswellen. Jede Äußerung wirkt allein durch die Verbreitung über das Internet wichtig. Der Einstieg in die Debatte ist niedrigschwellig, Emotionen werden schnell geteilt. Damit adäquat umzugehen und Betroffene zügig zu schützen, fällt offenbar schwer. Ihm sei nicht verantwortungsbewusst geholfen worden, kritisiert etwa BR-Journalist Richard Gutjahr in einem offenen Brief an seinen Sender. Gutjahr wird seit Jahren wegen seiner Berichte etwa über den Terroranschlag in Nizza im Netz gemobbt und bedroht.

Der Digitalexperte der ARD, Dennis Horn fragt auf Twitter: "Verstehen klassische Medienhäuser die Netzkultur nicht? Sie tun sich zumindest noch immer schwer darin, Relevanz und Dynamik im digitalen Raum richtig einzuordnen."

Die klassischen Medien brauchen neue Strategien

Hier müssen die klassischen Medien Strategien finden. Sie müssen verstehen, wie Empörungswellen funktionieren und lernen, ernst gemeinte Kritik von inszenierter Aufregung zu unterscheiden. Vor allem aber müssen sie Standards setzen für den Fall, dass ein Mitarbeiter im Netz angegriffen wird. Ideen dafür gibt es schon. Im Deutschlandfunk Kultur macht die Journalistin Samira El Ouassil den Vorschlag, sich mit Betroffenen eines Shitstorms zu solidarisieren. "Das neutralisiert das toxische Moment des Shitstorms. Weil dadurch die Leute, die angegriffen werden, im Einzelnen nicht isoliert sind, sondern quasi den Zusammenhalt einer größeren Gruppe präsentieren können. Und wenn es aber ein Problem gab, dann natürlich intern das zu lösen. Aber nach außen hin wirklich die ganze Zeit Zusammenhalt und Stärke zeigen. Das entmobilisiert diesen Mob."

Für Steven Geyer vom Redaktionsnetzwerk Deutschland ist eine wichtige Lehre: Gelassenheit zeigen. Auf der Homepage des RND schreibt Geyer: "Das gilt auch für die Hysterie in den Social Media. Jeder von uns muss sich fragen: Wie maßvoll reagiere ich, wenn ich in zwanzig verschiedenen Tweets zur Mäßigung aufrufe?" Zuallererst aber muss das Problem der Shitstorms im Netz als solches erkannt und ernst genommen werden. Nur so lässt sich Diskurshoheit zurückgewinnen.

Empörung kann Teil einer Kampagne sein

WDR 5 Politikum - Medienkolumne 08.01.2020 03:16 Min. Verfügbar bis 07.01.2021 WDR 5


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Redaktion: Willi Schlichting

Stand: 08.01.2020, 15:57