Konservative ohne Anstand

Horst Seehofer (l), CSU-Vorsitzender und Bundesminister für Inneres, Heimat und Bau, und Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern

Konservative ohne Anstand

Von Albrecht von Lucke

Wem der Respekt vor Institutionen wichtig ist, konnte bisher seine Stimme getrost den bürgerlichen Parteien geben. Dieses Vertrauen hat die CSU in den vergangenen Wochen gründlich zerstört, kommentiert Albrecht von Lucke.

Eigentlich kennt jedes Endspiel einen Sieger und einen Verlierer. Das "Endspiel um die Glaubwürdigkeit" zwischen CSU und CDU, das vor zwei Wochen von Markus Söder ausgerufen wurde, kennt dagegen nur Verlierer – wenn man einmal von der schadenfroh triumphierenden AfD absieht.

Würde des Amtes ist auf der Strecke gebieben

Auf der Strecke geblieben ist dabei auch das, was im bürgerlich-konservativen Lager angeblich stets als heilig galt – nämlich der Respekt vor den parlamentarischen Institutionen, insbesondere vor der 70-jährigen Fraktionsgemeinschaft aus CDU und CSU, und vor der Würde des Amtes, insbesondere dem der Kanzlerin. Teile der CSU versuchten, die gerade noch von ihnen zur Kanzlerin gekürte Angela Merkel mit allen politischen Mitteln zur Strecke zu bringen.

Wie dramatisch der Verfall der guten Sitten ist, die Konservative sonst so gerne verteidigen, zeigt folgende Begebenheit: Am Ende seines Lebens bekam der große SPD-Kanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt ein letztes Mal Besuch von seinem Nachfolger Helmut Kohl von der CDU. Obwohl Brandt schon todkrank war, hatte er sich vollständig angekleidet und erwartete seinen Gast. Als Kohl ihn gerührt fragte, warum er denn aufgestanden sei, lautete Brandts Antwort: "Wenn mein Bundeskanzler kommt, bleibe ich nicht im Bett liegen."

Von der Schwesterpartei gejagt

Weiter entfernt von diesem Respekt vor Amt und Person hätten die Attacken von Seehofer, Söder und Dobrindt gegen die Kanzlerin nicht sein können. Ja, die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel hat durchaus Recht, wenn sie sagt: "Jetzt sehen sie, wie Jagd geht." Bloß wurde diese Jagd nicht von der AfD veranstaltet, sondern von der angeblichen Schwesterpartei CSU.

Das bürgerliche Lager ist damit Geschichte. Was von CDU und CSU bis auf Weiteres bleibt, ist eine Not- und Zweckgemeinschaft, um den größten Schaden, nämlich den Zerfall der Union, doch noch abzuwenden – jedenfalls bis zu den bayrischen Landtagswahlen.

Schaden für die gesamte Republik

Immerhin, so die Ironie der Geschichte, hat sich die CSU selbst durch ihre Attacken fast maximal geschädigt. Vor allem die eigentliche, treibende Kraft hinter dem Ganzen, nämlich Markus Söder. Seine Umfragewerte sind jedenfalls desaströs. Das Ziel der CSU – durch Imitation der AfD diese zu zerstören – ist bereits jetzt kläglich gescheitert. Ja schlimmer noch: Durch die Übernahme der AfD-Rhetorik und ihre Methoden der Selbstradikalisierung hat sich das bürgerlich-konservative Lager regelrecht entstellt. Politischer Anstand war in den letzten zwei Wochen ein Fremdwort – den Schaden davon hat die gesamte Republik.

Konservative ohne Anstand

WDR 5 Politikum - Kommentar | 03.07.2018 | 02:44 Min.

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Redaktion: Morten Kansteiner

Stand: 03.07.2018, 14:19