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Blumen, Kerzen und Botschaften an das Opfer liegen an einer Tankstelle in der Innenstadt in Idar-Oberstein

Vom Querdenken zum Terror

Stand: 23.09.2021, 16:34 Uhr

Ein Maskenverweigerer wird offenbar zum Mörder - und das Innenministerium spricht gleich von einem Einzelfall. Dabei kann man nicht ausschließen, dass es sich um den Beginn einer Gewaltserie handelt, meint Yassin Musharbash.

Von Yassin Musharbash

Ein „Einzelfall“ sei der Mord in Idar-Oberstein, erklärte gestern ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. — Wie bitte? Ein … was bitte? 

Vor einer Radikalisierung wird schon länger gewarnt

Seit Monaten warnen die Sicherheitsbehörden, dass im Lager der Gegner der Anti-Corona-Maßnahmen eine Radikalisierung abläuft: Politikerinnen und Politiker werden bedroht, Journalistinnen und Journalisten bespuckt, Telegram- und Signal-Kanäle quellen über von Hass.

Nun hat es einen Toten gegeben. Da von einem Einzelfall zu sprechen, das ist wie im Dezember den ersten Schnee einen Einzelfall zu nennen. Die Perspektive des Ministeriums stimmt nicht, andersherum ist es richtig: Es war der bislang erste Mord. Hoffentlich bleibt es der einzige. 

Die Szene der Corona-Maßnahmen-Gegner ist heterogen

Zutreffend ist hingegen etwas anderes, was der Ministeriumssprecher erklärte: Es ließen sich aus der Bluttat keine „generalisierenden Rückschlüsse“ ziehen. Denn tatsächlich bilden die Gegner der Anti-Corona-Maßnahmen eine hoch diffuse Gruppe.

Sie reicht von unpolitischen Esoterikern über Verschwörungsideologen bis zu militanten Neonazis. Wir haben es nicht mit einer kohärenten Bewegung zu tun, schon gar nicht mit einer Organisation oder Terrorgruppe. Sie alle über einen Kamm zu scheren, bringt nichts. 

Teile der Szene unterstützen den Täter und sind zu Gewalt bereit

Aber dass der Mörder von Idar-Oberstein von den Radikalen in diesem Lager unverhohlene Unterstützung erfuhr, dass er bejubelt und sein Opfer verunglimpft wurde, ist ein unübersehbares Menetekel. Der Rand dieser Szene ist für Gewalt. Und zur Gewalt bereit. 

Über diesen Rand müssen die Sicherheitsbehörden jetzt sofort so viel wie möglich in Erfahrung bringen. Denn wir wissen zu wenig. Der Mörder von Idar-Oberstein postete seit Jahren Gewaltfantasien, teilte rechtsradikale Inhalte, hatte illegale Waffen besorgt. Mit wem hat er verkehrt, diskutiert, sich aufgegeilt am Gedanken an einen Bürgerkrieg? Wie viele von seiner Sorte gibt es noch? Und wo?

Auch deshalb ist das Wort vom mutmaßlichen „Einzelfall“ so fatal: Weil es nach Beschwichtigung klingt, wo in Wahrheit allerhöchste Aufmerksamkeit geboten ist. 

Vom Querdenken zum Terror

WDR 5 Politikum - Kommentar 23.09.2021 02:05 Min. Verfügbar bis 23.09.2022 WDR 5 Von Yassin Musharbash


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Redaktion: Morten Kansteiner