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Gespaltene Pandemiepolitik

Sechs Ampullen des Impstoffes von Johnson & Johnson werden von Händen in blauen medizinischen Handschuhen aus der Verpackung genommen.

Gespaltene Pandemiepolitik

Von Christoph von Marschall

Die einen warnen vor der Delta-Variante, die anderen fordern die Aufhebung aller Beschränkungen. Inzwischen prallen in der politischen Debatte über Corona nicht mehr Meinungen aufeinander, sondern Welten, findet Christoph von Marschall.

Coronapolitik ist nie aus einem Guss. Das haben wir in der Pandemie gelernt. Die Fachleute haben verschiedene Perspektiven. Gesundheitspolitiker können nicht vorsichtig genug sein. Der Wirtschaft und den Verfechtern der Freiheiten sind die Auflagen zu streng.

Doch die Widersprüche, die wir jetzt erleben, gehen weit darüber hinaus. Da prallen zwei Welten aufeinander. Die Regierenden warnen in dramatischen Worten vor der hochansteckenden Deltavariante; gegen die schützten nicht einmal Impfungen zuverlässig. Zugleich lockern sie die Auflagen, als seien die Risiken angesichts steigender Impfquoten leicht beherrschbar.

Wir erleben beinahe die Normalität von früher

Die Obergrenzen für private Treffen in Wohnungen? Gestrichen. Beim Einkaufen sind FFP2-Masken nicht mehr Pflicht; eine einfache Mund-Nase-Bedeckung genügt. Die Clubs laden zum Tanzen ein. Zu Partys im Freien dürfen tausend Menschen kommen, in große Stadien 25.000. Das klingt fast wie die Normalität von früher.

Wie passt das zu den Kassandrarufen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Delta uns überwältigt? Und wie zur Empörung über die verantwortungslosen Briten, die noch am Sonntag 65.000 ins Wembley-Stadion ließen?

Die Pandemiebekämpfung ist ambivalent

Seit einem Jahr hören wir die Devise: Eine Pandemie lässt sich nur effektiv bekämpfen, wenn die Regierung eine schlüssige Strategie hat und die Bürger mitzieht. Jetzt geschieht das Gegenteil. Die Politik stiftet Verwirrung. Sie warnt und lockert zugleich. Das wirkt wohlfeil, als wollten die Regierenden im Sommerwahlkampf generös auftreten, um die Wähler bei Laune zu halten. Und das böse Ende aber schon immer vorhergesehen haben, falls es schief geht.

Unsere Stimmen im September sollten sich die Politikerinnen und Politiker besser verdienen: Schon jetzt müssen sie alles tun, damit das Land auf die steigenden Infektionszahlen im Herbst besser vorbereitet ist als vor einem Jahr. Vorbeugen, dass wir dann nicht in den nächsten Lockdown müssen. Und die Forschung an Vakzinen für die Dritt- und Viertimpfungen gegen neue Varianten vorantreiben.

Noch vernebeln die Sommerfreuden uns allen die Sinne. Doch die Winterwelle kommt bestimmt.

Gespaltene Pandemiepolitik

WDR 5 Politikum - Kommentar 13.07.2021 02:04 Min. Verfügbar bis 13.07.2022 WDR 5 Von Christoph von Marschall


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Redaktion: Isabel Reth