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Zu viel Jagd nach Schlagzeilen

Verschiedene Tageszeitungen liegen auf einem Tisch

Zu viel Jagd nach Schlagzeilen

Von Stephan Karkowsky

In den letzten Wochen verdrängen aufregende Schlagzeilen wichtige politische Inhalte, kommentiert Stephan Karkowsky. Journalisten sollten sich von solchen Spiegelgefechten verabschieden und sich relevanten Themen zuwenden.

Dem Deutschlandfunk kann man nun wahrlich keinen Mangel an Ernsthaftigkeit vorwerfen. Er ist der geschlossene oberste Hemdenknopf unter den Radiosendern. Garant für guten Journalismus. Aber selbst dort regiert bisweilen die Jagd nach der empörenden Schlagzeile.

Wenn etwa CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet, wie unlängst geschehen, zu einer Stellungnahme zur sogenannten Werteunion gedrängt und von ihm quasi verlangt wird, den Parteiausschluss des Vorsitzenden zu fordern.

Armin Laschets Abgrenzung gegen Rechts wurde angezweifelt

Obwohl auch die Kollegen wissen: Die sogenannte Werteunion hat nichts zu tun mit CDU oder CSU. Sie ist kein offizielles Parteiorgan, sondern die letzte Ausfahrt geistig gewendeter Christdemokraten Richtung AfD.

Wider besseres Wissen wurde auch anderswo versucht, Laschets klare, innerparteiliche Abgrenzung gegen Rechts in Zweifel zu ziehen – durch eine Aufwertung unbedeutender Abtrünniger.

Marco Wanderwitz ist in vielen Medien falsch zitiert worden

Nach dem gleichen Prinzip gab es in vielen Medien Fragen zum Ostbeauftragten Marco Wanderwitz. Auch der wird gern falsch zitiert, als hätte er zu Lasten der CDU im Wahlkampf pauschales Ossi-Bashing betrieben.

Dabei sprach Wanderwitz nicht von allen, sondern wahrheitsgemäß nur von einem Teil der Ostdeutschen, die „gefestigte nichtdemokratische Ansichten“ hätten: Den AfD-Wählern. Die Menschen in Sachsen-Anhalt haben das kapiert und es dem CDU-Mann nicht übelgenommen, wie das Wahlergebnis gezeigt hat.

Ernsthafter Journalismus sollte Aussagen nicht skandalisieren

Politiker in verbalen Scheingefechten zu skandalisierbaren Aussagen zu verleiten, ist der Jagdsport des Boulevards. Ernsthafter Journalismus tut gut daran, sich von solchen Wilderern und Fallenstellern fern zu halten.

Wichtiger wäre es, Kanzlerkandidaten in Interviews mit realem Politikversagen zu konfrontieren – wie der Weigerung der Union, den CO2-Preis bei den Heizkosten gerecht auf Mieter und Vermieter zu verteilen. Auch wenn das wegen seiner Komplexität in den Onlineausgaben sicher nicht dieselben Klickzahlen erreicht.

Zu viel Jagd nach Schlagzeilen

WDR 5 Politikum - Kommentar 15.06.2021 02:01 Min. Verfügbar bis 15.06.2022 WDR 5


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Redaktion: Isabel Reth

Stand: 15.06.2021, 14:38