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Pflege braucht mehr Pflege

Eine Pflegekraft misst den Blutdruck einer älteren Patientin.

Pflege braucht mehr Pflege

Von Tanja Busse

Wir brauchen eine bessere Pflege. Mehr Menschen, die diese schwere Arbeit übernehmen. Sie müssen besser bezahlt werden. Aber was bedeutet Pflege? Weit mehr als nur Akut-Versorgung, kommentiert Tanja Busse.

Es ist etwas sehr Merkwürdiges passiert beim Deutschen Pflegetag, der heute in Berlin zu Ende geht: Da fordert der Gesundheitsminister Jens Spahn die Pflegebranche auf, sich endlich besser zu organisieren, um berechtigte Forderungen auch durchzudrücken. Also: Die Pflegerinnen und Pfleger sollen lauter schreien, damit sie gehört werden?

Was ist das für ein Politikverständnis?

Es ist die ureigene Aufgabe eines Gesundheitsministers, dafür zu sorgen, dass Bedürftige gut gepflegt werden, und dazu gehört auch, dass Pflegerinnen und Pfleger so ausgebildet und bezahlt werden, dass sie ihre Arbeit gut machen können. Und zwar ohne dass sie vorher laut im Chor der Lobbyisten mitschreien müssten.

Gute Pflege ist mehr, als das Behüten vor Verwahrlosung

Den Maßstab für gute Pflege hat die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, gesetzt: Danach ist "der gesellschaftliche Auftrag der Pflege, Menschen dabei zu helfen, ihr physisches, psychisches und soziales Potenzial zu verwirklichen."

Und das ist mehr als Popoabwischen und beim Duschen helfen, das bedeutet, dass die Pflegenden Zeit und Strukturen brauchen, um Alten und Kranken wirklich gerecht zu werden. Ihnen zuzuhören, sie vor Einsamkeit zu bewahren, ihnen Wünsche zu erfüllen.

Dass das alles völlig utopisch klingt im System der Pflege, wie sie aktuell organisiert ist, wirft kein gutes Licht auf unsere kapitalistische Leistungsgesellschaft. Wer ausgedient hat, wird gerne vergessen. Dass jeder jederzeit pflegebedürftig werden kann - verdrängt. 

Deshalb reicht in der Pflege das Geld nur fürs das Nötigste, offensichtlichte Verwahrlosung wird verhindert, aber all das andere, vor allem die seelische Betreuung, das passiert meist nur da, wo Pflegekräfte besonders engagiert sind.

Eine Aufgabe für die Gesamtgesellschaft

Das zu ändern ist eine Aufgabe für alle, für die gesamte Gesellschaft: Mehr Geld und Zeit für Pflegekräfte ist nur das eine. Das andere sind Strukturen, die es Angehörigen, Nachbarn, Kommunen, Vereinen erleichtern, sich besser um Pflegebedürftige zu kümmern, sie nicht nur zu versorgen, sondern ins gesellschaftliche Leben einzubinden. Ganz im Sinne der Definition der Weltgesundheitsorganisation.

Genau dieser Anspruch gehört jetzt in die Koalitionsverhandlungen, das zu erreichen muss der Anspruch der zukünftigen Gesundheitsministerin sein, und das ist mehr und anspruchsvoller als nur auf Lobbyisten zu hören.

Pflege braucht mehr Pflege

WDR 5 Politikum - Kommentar 14.10.2021 02:16 Min. Verfügbar bis 14.10.2022 WDR 5 Von Tanja Busse


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Redaktion: Dirk Müller