Live hören
WDR 5 Quarks - Wissenschaft und mehr mit Franz Hansel
Annalena Baerbock steht am Tag vor der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages an einem Redepult

Scholz stolpert Richtung Gleichstellung

Dass Frauen Außen-, Innen- und Verteidigungsministerium leiten sollen, findet Mithu Sanyal durchaus erfreulich. Aber wie Scholz die Ministerinnen präsentiert hat und was ihre politische Rolle sein wird – das steht auf einem anderen Blatt.

Wow, Deutschland bekommt eine Außenministerin, eine Innenministerin und eine Verteidigungsministerin. Man könnte meinen, es sei 2021.

Könnte. Denn die Worte, mit denen Olaf Scholz der Öffentlichkeit seine Wahl präsentiert hat, zeigen auch, dass man, wenn es man besonders wenig sexistisch machen will, es häufig ... sexistisch macht. „Die Sicherheit wird in den Händen starker Frauen liegen,“ verkündete er strahlend. Klischee, ich hör dir trapsen. Anscheinend kann man heutzutage das Wort Frauen nicht mehr verwenden, ohne das Adjektiv stark davor zu setzen. Aber vor allem: Warum fällt Scholz zur Berufung seiner Ministerinnen als wichtigste Information ein, dass sie ... Frauen sind?

Frauen besetzen nicht nur die klassisch weiblichen Ministerien

Trotzdem ist es natürlich ein riesiger Schritt, den man auch anerkennen muss,  Frauen eben nicht auf die klassischen weiblichen Ressorts wie Familie oder Bildung zu abonnieren. In der neuen Regierung wird es mit Annalena Baerbock zum ersten Mal eine Außenministerin geben, mit Nancy Faeser zum ersten Mal eine Innenministerin und mit Christine Lambrecht zum ... okay dritten Mal eine Verteidigungsministerin. Und überhaupt ein nahezu paritätisches Kabinett. Hier hat sich tatsächlich etwas bewegt.

Sollen Ministerinnen unpopuläre Politik verkaufen?

Gleichzeitig hört sich „Die Sicherheit wird in den Händen starker Frauen liegen“ auch ein wenig bedrohlich an. Traditionellerweise schickt man gerne Frauen nach vorne, wenn man ein hartes Durchgreifen sozusagen weiblich verpackt verkaufen will. Schließlich unterstellt man Frauen, dass sie wärmer, empathischer ... mütterlicher sind, und geht deshalb davon aus, dass auch ihre Politik irgendwie fürsorglicher ist. Gerade deswegen könnten diese Ministerinnen auf weniger politischen Widerstand stoßen, wenn sie an den Grenzen Europas oder bei Drohneneinsätzen eine harte Linie durchsetzen.

Also, noch nicht zu laut Hurra rufen.

Aber vielleicht zumindest ganz, ganz leise Hurra rufen?

Denn, ich geb’s ja zu, natürlich hoffe ich auch, dass die neuen Ministerinnen eine andere Politik machen. Nicht, weil sie Frauen sind, sondern weil sie keine CDU-Politikerinnen sind.

Scholz stolpert Richtung Gleichstellung

WDR 5 Politikum - Kommentar 07.12.2021 02:12 Min. Verfügbar bis 07.12.2022 WDR 5 Von Mithu Sanyal


Download

Redaktion: Morten Kansteiner