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Immun gegen Starker-Mann-Allüren

Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, verlässt nach einem Pressestatement die 177. Sitzung des Bundestags mit einem Mund-Nasen-Schutz

Immun gegen Starker-Mann-Allüren

Von Tanja Busse

Es soll keinen Covid-19-Immunitätsausweis geben - so hat es der Ethikrat gerade empfohlen. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Niederlage für Gesundheitsminister Jens Spahn, der einen solchen Ausweis im Frühjahr wollte. Tatsächlich zeigt es Spahns Stärke und eine Art Führung, die wir zunehmend brauchen, meint Tanja Busse.

Es wäre so schön gewesen: Jeder, der Corona überstanden hat, sollte einen Immunitätsausweis bekommen, und sie oder er wäre befreit gewesen von Masken im Gesicht, von Abstandspflichten und Reiseverboten. So schön hatte sich das der Gesundheitsminister Jens Spahn gedacht. Und irgendwie wäre es auch gerecht gewesen: Eine Art Belohnung für die überstandenen Leiden.

Aber das Ganze war nicht wirklich durchdacht, denn Spahn hatte den Ausweis schon vorgestellt, als noch gar nicht klar war, wie lange man nach überstandener Infektion überhaupt immun ist gegen Corona. Außerdem sind die Antikörpertests nicht sicher genug. Entsprechend deutlich war die Ablehnung sowohl vom Koalitionspartner als auch von der WHO.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat gut reagiert

Ohne Frage, dass war vorschnell und unüberlegt von Spahn. Aber der Gesundheitsminister hat gut reagiert: Er war sich nicht zu schade, die Frage an ein Expertengremium weiterzureichen, statt zu insistieren.

Die Stellungnahme des Ethikrats zeigt, dass wir die Antwort als Gesellschaft noch aushandeln müssen. Klar ist nur: Zur Zeit wird es keinen Immunitätsausweis geben, weil noch nicht bekannt ist, wie lange die Immunität anhält. Wenn wir das aber rausbekommen, ist der Ethikrat geteilter Ansicht: Die einen fürchten Diskriminierung und Spaltung, die anderen sehen Chancen für nachweislich immune Personen in systemrelevanten Berufen.

Wir brauchen Politiker, die Fehler eingestehen können

Wieder einmal zeigt uns die Corona-Pandemie: Wenn in einer komplexen globalisierten Welt voller Krisen am Rande ihrer planetaren Belastbarkeit neue unbekannte Gefahren auftauchen, gibt es niemanden, der sofort Bescheid weiß und sagen kann: So wirds gemacht und nicht anders. Die Zeit der Alleswisser, die mit der Faust auf den Tisch schlagen und sagen, da gehts lang, ist zu Ende.

Deshalb brauchen wir auch Politiker, die Fehler eingestehen können, und die bereit sind, sich Rat zu holen und dem auch zu folgen. Und gleichzeitig brauchen wir Bürgerinnen und Bürger, die das zu würdigen wissen. Die jetzt nicht hämisch sagen, hab ich doch gleich gesagt, war doch alles übertrieben mit dem Lock-down. Sondern die akzeptieren, dass wir uns in unsicheren Zeiten eher tastend und fragend nach vorn wagen und erst im Rückblick beurteilen können, was richtig war.

Immun gegen Starke-Mann-Allüren

WDR 5 Politikum - Kommentar 22.09.2020 02:13 Min. Verfügbar bis 22.09.2021 WDR 5 Von Tanja Busse


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Redaktion: Kerstin Steinbrecher

Stand: 22.09.2020, 14:36