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23.03 - 07.00 Uhr ARD Infonacht

George Floyds Todestag: Fragen auch in Deutschland

Ein Plakat zeigt George Floyd, daneben steht eine Demonstrantin.

George Floyds Todestag: Fragen auch in Deutschland

Ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd stellen sich auch in Deutschland Fragen nach Polizeigewalt. Bei der Kontrolle gibt es Lücken, kommentiert Mithu Sanyal.

Heute ist der erste Todestag von George Floyd. Das einzig Gute daran ist, dass ich nicht erklären muss, wer George Floyd ist und dass er von einem weißen Polizisten ermordet wurde, der 9 Minuten und 29 Sekunden auf seinem Hals kniete. George Floyds letzte Worte: Ich kann nicht atmen – 17 Mal wiederholt, bevor er schließlich das Bewusstsein verlor – brachte Menschen in allen Ländern der Welt auf die Straßen.

Ähnliche Fälle in Deutschland

Trotzdem möchte ich hier nicht über George Floyd reden. Ich möchte über Qosay Sadam Khalaf sprechen. Auch Qosay wurde von Polizeibeamten wegen einem Bagatelldelikt überwältigt. Auch Qosay sagte: Ich kann nicht atmen. Auch Qosay starb an sauerstoffmangelbedingtem Herz-Kreislauf-Versagen, wie George Floyd. Nur dass dieser Tod nicht im weit entfernten Amerika geschah, sondern in Delmenhorst in Niedersachsen in der Nacht vom fünften auf den sechsten März dieses Jahres. Wie konnte das passieren?

Und dann erfahre ich, dass in Deutschland seit 1990 183 Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund in Polizeigewahrsam gestorben sind. Nahezu keiner dieser Todesfälle wurde befriedigend aufgeklärt. Wenn die Ermittlungen überhaupt aufgenommen wurden. Auch nach Qosay Khalafs Tod erklärte die Staatsanwaltschaft Oldenburg äußere Gewalt sei als Todesursache ausgeschlossen, obwohl auf den Polizeifotos das Gesicht des Jugendlichen massiv angeschwollen und das Laken, auf dem er liegt, blutig ist. Erst eine zweite Obduktion ergab, dass es Gewaltanwendung gegeben hatte. An einem Jugendlichen! Qosay Khalad wurde 19 Jahre alt.

Amnesty International rügt deutschen Rechtsstaat

Dennoch wurde das Verfahren gegen die am Einsatz beteiligten Polizisten vor einer Woche eingestellt. Amnesty International attestiert Deutschland in seinem Menschenrechtsbericht vom siebten April: „Der  deutsche Rechtsstaat weist ausgerechnet dort Lücken auf, wo es um Transparenz und Kontrolle der Polizei geht.“ Und darüber müssen wir reden, denn das darf nicht so bleiben.

George Floyd: Rassismus und Polizeigewalt in Deutschland

WDR 5 Politikum - Kommentar 25.05.2021 02:12 Min. Verfügbar bis 25.05.2022 WDR 5


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Redaktion: Dirk Müller

Stand: 25.05.2021, 17:13