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In diesem Bereich, bestehend aus einem Bauernhof, einer Kiesgrube, sowie Agrarland, soll das Endlager für radioaktive Abfälle entstehen

Endlager: Ärger vorprogrammiert

Stand: 13.09.2022, 13:11 Uhr

Dass die Schweiz Atommüll nahe der deutschen Grenze vergraben will, sorgt für Verstimmungen. Dabei ist nichts anderes zu erwarten, meint Tanja Busse: Wegen der Risiken dürften noch mehr Endlager in Europas Grenzregionen entstehen.

Von Tanja Busse

Was für ein Schreck! Die Schweiz will ihr Endlager für atomare Abfälle in der Nähe der deutschen Grenze bauen - zwischen Basel und Bodensee. Die Anwohner schnappen nach Luft, das Bundesumweltministerium spricht von einer Belastung, kündigt genaue Prüfungen an, fordert Ausgleichszahlungen - aber was soll man sagen? Das Ergebnis ist wenig überraschend.

Politische und geologische Überlegungen spielen eine Rolle

Ein Blick auf die Karte mit Standorten der europäischen Atomkraftwerke zeigt: Die Platzierung von Risikoreaktoren an Ländergrenzen hat eine lange Tradition, in Litauen, in Frankreich und auch in der Schweiz, ganz nach dem Motto: Den Strom brauchen wir, das Risiko teilen wir gerne.

Doch dafür gibt es oft auch geographische Gründe: Natürlich haben die Schweizer ihre vier Atomkraftwerke nicht im Hochgebirge gebaut, sondern im Norden des Landes, wo es flacher ist - und da gibt es eben Nachbarländer. Und natürlich werden sie ihren hochgefährlichen Atommüll nun nicht über steile Passstraßen in enge Alpentäler karren. Und jetzt haben die Schweizer Geologen eben unmittelbar an der Grenze zu Deutschland eine geeignete Tonschicht entdeckt.

Auch Westdeutschland suchte nach einem grenznahen Endlager

Wer sich aus Deutschland darüber beschweren möchte, sollte sich kurz an Gorleben erinnern. Dorthin wollte die westdeutsche Bundesregierung ihren Atommüll bringen, in diesen allerhintersten Winkel von Niedersachsen, etwa einen Kilometer von der deutsch-deutschen Grenze entfernt. Aus Sicht der Bonner Politiker war das ein exzellenter Standort.

Erst nach sehr vielen sehr vehementen Protesten wurde dort genau nachgeforscht und siehe da, bei der systematischen Erkundung, wie sie das Standortauswahlgesetz vorschreibt, stellt sich raus: Der Boden unter Gorleben ist kein sicherer Standort für ein Endlager.

Diesem Endlager werden weltweit viele folgen — auch an Grenzen

Nun hat die Schweiz aber nach einem ganz ähnlichen Verfahren, das den Anspruch auf Transparenz und Wissenschaftlichkeit erhebt, den Standort an der deutschen Grenze ausgewählt. Darüber kann sich jetzt keiner beschweren. Diesem Endlager werden noch viele andere folgen, wahrscheinlich auch in Grenzregionen, und Deutschland hat ja noch mehr Nachbarländer.

Diese Lager sind der bittere Preis, den wir und alle Generationen nach uns zahlen müssen - für die unfassbar egoistische Idee der Generation vor uns, Atomstrom zu produzieren, ohne zu wissen, wohin mit dem Müll.

Endlager: Ärger vorprogrammiert

WDR 5 Politikum - Kommentar 13.09.2022 02:22 Min. Verfügbar bis 13.09.2023 WDR 5 Von Tanja Busse


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Redaktion: Morten Kansteiner