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Was würden Sie nicht verzeihen können?

Zwei Personen reichen sich die Hand

Was würden Sie nicht verzeihen können?

Dass jemandem Unrecht angetan wird, ist eine alltägliche Erfahrung – im Kleinen, wie im Großen. Vergebung zu gewähren ist eine Möglichkeit des Umgangs damit. Was genau hat es für Folgen, wenn wir verzeihen?

Die Zeit heilt alle Wunden? Das trifft wohl nur bedingt zu; Studien zeigen, dass viele Menschen die Verletzungen im Zuge von Trennungen erlitten haben, auch Jahre später noch wütend sind – und nicht verzeihen können. Oder wollen. Dabei sind solche Verletzungen im Zusammenleben unausweichlich, besondere Vertraulichkeit geht mit besonderer Verletzlichkeit einher. Menschen verletzen einander unabdingbar. Oft unwissentlich. Aber nicht selten auch wissentlich. Sie fügen einander körperliche oder seelische Gewalt zu. Dann geht es eben nicht mehr um versehentliche Verletzung quasi nebenbei, sondern um Unrecht und um moralische Schuld. Wie damit umgehen?

Philosophieprofessorin Susanne Boshammer

Die Frage, wie man am besten mit Unrechtserfahrungen umgeht, beschäftigt die Menschen seit Jahrtausenden. Ebenso lang gibt es wohl eine sehr gängige Empfehlung des Umgangs: denen, die uns schuldhaft verletzt haben, zu verzeihen eine zweite Chance zu geben. Man kann nicht rückgängig machen, was geschehen ist, Schuld lässt sich nicht ausradieren – also müssen wir die Wunden heilen lassen, um weiter leben zu können, so das Credo, das auch weiterhin weit verbreitet ist. Schließlich machen wir alle moralische Fehler, Leben muss geübt werden, auch in der Hinsicht. Aber trifft das wirklich ausnahmslos oder zumindest mehrheitlich ins Schwarze? Verletzungen können so tief und gravierend sein, dass die unverzeihlich sind. Und es gibt Verhaltensweisen, die moralisch so problematisch sind, dass man sich fragen muss, ob der Verantwortliche es verdient hat, so einfach davonzukommen. Ganz abgesehen von juristischen Fragestellungen. Philosophisch gesehen ist es umstritten, ob wir verzeihen sollen – und es wird in Frage gestellt, ob das Verzeihen sogar so etwas wie eine moralische Pflicht ist, was manche behaupten. Im Alltag mag das plausibel sein – die Frage ist allerdings, wie es in Extremsituationen und Grenzfällen aussieht. Macht es dann Sinn, alles zu verzeihen – oder führt es manchmal vielleicht sogar weiter, Vergebung zu verweigern?

Wann ist eine zweite Chance angesagt, wann nicht? Wie stehen Sie zum Verzeihen?

Literaturhinweis: Susanne Boshammer: Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten. Rowohlt Verlag, 2020.

Hörer*innen können mitdiskutieren unter 0800 5678 555 oder per Mail unter philo@wdr.de.

Geboten? - das Verzeihen

WDR 5 Das philosophische Radio 04.01.2021 55:48 Min. Verfügbar bis 04.01.2022 WDR 5


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Redaktion: Gundi Große