Wo trifft Ihr Begehren auf Ökonomie?

Kleine Törtchen liegen auf einer Etagere.

Wo trifft Ihr Begehren auf Ökonomie?

Mit Sex und Erotik lässt sich Profit erzielen, keine Frage. Das Begehren hat aber wirtschaftlich gesehen noch ganz andere Dimensionen. Welche Zusammenhänge gibt es zwischen dem Begehren und der Ökonomie?

Auf den ersten Blick scheinen das Begehren und das Ökonomische zwei konträre Dinge zu sein: hier das Irrational – Triebhafte, dort rationales Handeln. Trotz dieser Gegensätzlichkeit sind Begehren und Ökonomie unauflöslich miteinander verbunden, sagt die Philosophin Jule Govrin: "Durch die Ökonomisierung des Begehrens etablieren sich soziale Ordnungen, angefangen bei der Institution der Ehe als Hauswirtschaft, die Geschlechterverhältnisse regelt und die soziale Reproduktion sichert."
Hinzu kommt, dass das Ökonomische nicht nur von Außen an das Begehren herangetragen wird: "Es regiert im Erotischen selbst wie in der wollüstigen Gier danach, andere zu besitzen, sie zu konsumieren." Zugleich müssen Märkte Begehren anheizen, um aus eigentlich ganz basalen Bedürfnissen immer neue Begehrlichkeiten zu schaffen, damit der Konsum immer weiter in Gang bleibt. Die Figur dafür ist der homo oeconomicus, der wirtschaftswissenschaftlich als rationaler Typ beschrieben wird, genauer betrachtet aber kein Mängelwesen, sondern ein ausgeprägter Begehrensmensch ist. Die Frage ist also weniger, ob Begehren und Ökonomie miteinander verbunden sind, sondern wie grundlegend das der Fall ist.
Philosophiegeschichtlich ist der Begriff des Begehrens nicht mit sexuellem Begehren gleichsetzen, obwohl es einen Zusammenhang zur Erotik gibt. Begehren meint vielmehr eine soziale Kraft, die das Individuelle übersteigt. Diese Dimension deutete sich schon in der Antike bei Platon an: Das Begehren als ein gesellschaftlicher Faktor, der Subjektivierungen innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen erst hervorbringt.

Wie ökonomisch ist das Begehren – welche Bedeutung hat das Begehren für die Gesellschaft? Welchen Stellenwert hat das Begehren in Ihrem Leben?

Ökonomisiert? - das Begehren

WDR 5 Das philosophische Radio 22.03.2021 54:14 Min. Verfügbar bis 22.03.2022 WDR 5


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Literaturhinweis:
Jule Govrin: Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosophische Studie. Verlag De Gruyter, 2020.

Hörer*innen können mitdiskutieren unter 0800 5678 555 oder per Mail unter philo@wdr.de.

Redaktion: Gundi Große