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23.03 - 06.00 Uhr ARD Infonacht
Eine Menschenmenge, die sich in einer Fußgängerzone befindet und leicht verschwommen aufgenommen wurden.

Verschieden? – Gesellschaft und Gemeinschaft

Der Krieg in der Ukraine war ein böses Erwachen auch für unsere Gesellschaft, die sich offensichtlich allzu sehr in gemütlicher Sicherheit gewiegt hat. Plötzlich spielen Werte wie der Heroismus und der Kampfeswillen wieder eine viel stärkere Rolle. Wie kann das sein? Ein Gespräch über die "Verhaltenslehren der Kälte".

Welche Kräfte wirken, wenn wir hinter die Masken unseres Miteinanders schauen? Dieser Frage spürte der Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen mit seiner fundamentalen Studie "Verhaltenslehren der Kälte" nach, die seit den 1990er Jahren großen Einfluss hat und jetzt überarbeitet neu erschienen ist. Lethen untersuchte für die Zeit der Weimarer Republik die Frage, welche Gewaltformen aus dem Ersten Weltkrieg "unter der Eisdecke" dort noch herrschten und zum Scheitern des Systems beitrugen. Das Kriegerische schlummert dort, es kann jederzeit wieder ans Licht kommen, so seine Erkenntnis. Und da gibt es möglicherweise Koinzidenzen zu dem, was wir jetzt mit Blick auf den Krieg in der Ukraine erleben – und bei den Debatten über unsere Haltung dazu.

Der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen vor einem grünen Hintergrund

Der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen

Helmut Lethen beschreibt unser Leben als eines, das in zwei Sphären stattfindet: Der der Gemeinschaft und der der Gesellschaft. In der Gemeinschaft gibt es Vertrauen und Nähe, eine Sphäre der Wärme, wenn man so will. In der Gesellschaft findet dagegen eine Trennung von diesen Zuständen steht, es herrscht die Distanz – und damit die Kälte. Das hat aber natürlich nicht nur Nachteile, im Gegenteil, es birgt auch ein Moment der Befreiung. Man befreit sich, indem man die Maske des Gesellschaftlichen aufsetzt: "Der Mensch muss lernen, in beiden Sphären zu leben", sagt Helmut Lethen. Der Gewinn ist eine gewisse Mobilität: Wir können diese Maske jederzeit tauschen, die primäre und private Sphäre bleibt geschützt. Und verborgen.

Wir können eine Distanz zu uns selbst einnehmen. Möglicherweise müssen wir das sogar. Nur dann, wenn er auch Abstand zu sich selbst hat, ist der Mensch bei sich, argumentiert Helmut Lethen. Aber natürlich funktioniert dieses Maskenspiel nur bis zu einem gewissen Punkt, denn wir sind biologische Wesen. Und spätestens dann stellt sich die Frage, wer der Mensch wirklich ist, was ihn ausmacht, hinter der Maskerade des Gesellschaftlichen. Zeiten, in denen sich zeigt, wie dünn das Firnis der Zivilisation ist, werfen verdrängte Fragen auf: Sind wir tatsächlich dieses soziale und kulturelle Wesen, dass wir mehrheitlich sein wollen? Oder lauert hinter diesen Masken, die wir uns angeeignet haben, ein ganz anderer Typus? Ist der Mensch grundsätzlich gut oder böse – und was liegt dazwischen?

Welche Rollen spielen Aggression, Gewalt und Kampf, wenn es um die Natur des Menschen geht? Ist es eine Illusion zu glauben, wir könnten das Kriegerische in uns überwinden? Wie umgehen mit den Verhaltenslehren der Kälte? Wer sind Sie hinter Ihren Masken?

Redaktion: Gundi Große

Verschieden? - Gesellschaft und Gemeinschaft

WDR 5 Das philosophische Radio 01.08.2022 53:40 Min. Verfügbar bis 26.07.2023 WDR 5


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