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Was geschieht mit Ihnen, wenn Sie leiden?

Die Silhouetten zweier Menschen streiten sich über ein symbolisches Fragezeichen

Was geschieht mit Ihnen, wenn Sie leiden?

Glück und Leid, das sind zwei philosophische Ur-Themen. Die Glücksfrage ist natürlich weit populärer als die nach dem Leid. Zu Unrecht, denn beide sind gleich wichtig. Kann das Leiden einen Sinn haben?

Das Leid hat natürlich viele Gesichter und Erscheinungsformen – das kann von einer ererbten Krankheit über einen unverschuldeten Verkehrsunfall bis hin zu Naturkatastrophen und Kriegsgräueln reichen. Auch unter einer Beziehung oder den politischen Verhältnissen kann man leiden. Klar ist: Leid ist etwas Unangenehmes und Bedrückendes, möglicherweise auch Bedrohliches; es konfrontiert uns mit Angst und Unsicherheit. Leiden, sagt der Philosoph und Arzt Boris Wandruszka, hat eine "spezifische Erlebnisqualität, die einzigartig und unvergleichbar ist". Und dieses Leiden ist nicht denkbar oder vorstellbar, sondern nur spürbar – also "affektiv erfahrbar".

Was kennzeichnet nun das Leiden? Zum Beispiel, dass nicht von sich selbst er existiert, sondern auf ein Übel gerichtet ist. Für solch eine Widerfahrnis muss man allerdings empfänglich sein, also muss ein Verhältnis Welt-Mensch dahinter stecken und damit auch ein "Anderes" im Gegensatz zu mir. Es braucht ein Subjekt und eine Welt; das Leiden ist eine Störung in diesem Verhältnis. Dadurch wird Veränderung möglich; etwa durch einen neuen Selbst-Welt-Entwurf. Das Leiden ist gewissermaßen ein Aufruf zur Veränderung. Das wiederum setzt voraus, dass die Welt überhaupt dynamisch und veränderbar ist – und nicht alles schon komplett feststeht.

Wegweisend? - das Leiden

WDR 5 Das philosophische Radio 25.09.2020 55:52 Min. Verfügbar bis 25.09.2021 WDR 5


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Boris Wandruszka

Der Philosoph Boris Wandruszka

Wenn dem aber so ist, so Boris Wandruszka, dann gibt es eine Notwendigkeit, dass aus dem Leiden Neues werden kann. Das Leiden zeugt dabei von der Fülle, die sein könnte – wenn das Leiden nicht wäre. Möglicherweise, so ein fast utopischer Gedanke, der in dieser Überlegung steckt, wäre diese Fülle des Lebens erreichbar, wenn aus dem Leiden die richtigen Konsequenzen folgen.

Kann das Leiden Sinn machen? Wie umgehen damit? Und wie halten Sie es mit dem eigenen Leid?

Hörer können mitdiskutieren unter 0800 5678 555 oder per Mail unter philo@wdr.de.

Redaktion: Gundi Große

Literaturhinweis:
Boris Wandruszka
Metaphysik des Leidens: Das Leiden und seine Stellung im Ganzen der Wirklichkeit
Herder Verlag, 2020

Stand: 25.09.2020, 20:04