Tiertafeln - Kein Geld, aber der Hund will fressen

Ältere Frau von hinten, spaziert mit Rollator und Hund

Tiertafeln - Kein Geld, aber der Hund will fressen

Es gibt rund 170 Tafeln in NRW für Bedürftige. Viele von ihnen sind Rentner, mitunter Tierhalter. Aber was ist, wenn das Geld für Tierfutter nicht reicht? Es gibt auch Tiertafeln, die Unterstützung bieten. Mittlerweile sind es etwa 20 in NRW, mit steigendem Zulauf.

Roswitha P. hat zwei kleine Terrier-Mischlinge, die sich ständig an ihre Fersen heften.  "Die sind mein Kinderersatz", sagt die 66-jährige Rentnerin. "Ohne die würde ich manchmal gar nicht rausgehen. Durch die Hunde kriegt man mehr Kontakt, wenn sie auf einer Wiese zusammen spielen. Und für mich ist es Abwechslung, weil ich mit dem bisschen Geld sonst nirgendwo hingehen kann."

Tiertafeln - Kein Geld, aber der Hund will fressen

WDR 5 Neugier genügt - Freifläche | 14.06.2018 | 07:40 Min.

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Das Tier hilft, um am Alltag überhaupt teilzunehmen

Roswitha P. fühlt sich oft abgeschnitten, erzählt sie. Mit gerade einmal 400 Euro monatlich muss sie über die Runden kommen. Die Miete für die Wohnung übernimmt das Sozialamt. Sie spart, trotzdem gibt es immer wieder Engpässe. Einmal im Monat geht Roswitha P. zur Tiertafel Rhein-Sieg. Auf einem abgeschiedenen Parkplatz in Hennef verteilt der Verein Futter und Leckerlis. Im Kofferraum eines Pkws sind große abgepackte Tüten. Wer eine Futterspende bekommen möchte, muss nachweisen, dass er wenig Geld hat – ein Ausweis vom Amt reicht.

Wie Roswitha P. geht es auch Manfred L., 53 Jahre alt. Er ist krank, wird nicht mehr arbeiten können. "Der Hund weckt mich, hilft mir, dass ich morgens rauskomme, dass ich am Alltag wieder richtig teilnehme. Ohne ihn würde ich mehr oder weniger vor mich hinvegetieren", ist er überzeugt. Die Futterspenden-Tüte reicht für die nächsten vier Wochen.

Die Schamgrenze, sich zu melden, ist hoch

Hans-Josef Dresen leitet seit drei Jahren die Tiertafel Rhein-Sieg. Anfangs fuhren sie zwei Orte an, mittlerweile sind es fünf, bald sechs. 2005 gab es in NRW keine einzige Tiertafel. Mittlerweile ist die Zahl auf etwa 20 gestiegen. Ein- bis zweimal im Monat geben die Tafeln an Tierhalter in Not Futtertüten ab, die von großen Tierfutterherstellern gespendet werden.

Unterwegs mit der Tiertafel in Bonn

Hans-Josef Dresen von der Tiertafel Rhein-Sieg

Seit Januar haben sich bei der Tiertafel Rhein-Sieg 50 neue Tierhalter in Not angemeldet. Anderen Tiertafeln in NRW ergeht es ähnlich. "Ich bin immer noch überrascht, dass es immer mehr werden – leider", sagt Dresen. Auf der anderen Seite würden sie gerne noch mehr Bedürftige mit Futter für ihre Tiere unterstützen, die sich nicht trauen sich zu melden. "Das ist genau die Schamgrenze", weiß Dresen, "zu sagen, ich brauche Futter für mein Tier."

Ohne die Tiertafeln müssten viele Tiere abgegeben werden

Die Folge: Tierhalter geben ihre Hunde und Katzen ab, weil sie sie nicht mehr ernähren können oder weil sie nicht wissen, wie sie die Tierarztkosten für längst fällige Behandlungen aufbringen sollen.

Ein Hund kommt in Köln mit seinem Herrchen zur Ausgabestelle der Tiertafel

Ein- bis zweimal im Monat geben die Tafeln an Tierhalter in Not Futtertüten ab

Bernd Schinzel vom Tierheim Köln-Dellbrück kennt diese Fälle. Er erinnert sich, dass bei einer Katze die Amputation des Beines nach einem unbehandelten Beinbruch nötig war – die sich die Besitzer nicht leisten konnten. "Sie haben gesagt: Was kostet das Einschläfern? Wenn das billiger ist, machen wir das Einschläfern." Die Tierärzte riefen beim Tierheim in Köln-Dellbrück an, das schließlich die Kosten für die Amputation bezahlte und die Katze übernommen hat.

Für Roswitha P. ist die Tiertafel die Rettung, ohne würde es schwer, sagt sie. Ein Leben ohne ihre Hunde kann sie sich nicht vorstellen: "Meine Kinder kommen nicht ins Tierheim – niemals. Dann bleibe ich lieber mit ihnen auf der Straße."

Autor des Hörfunk-Beitrags in WDR 5 Neugier genügt ist Jörg E. Mayer

Stand: 14.06.2018, 12:27