"Hier wohnte..." - mit Stolpersteinen gegen das Vergessen

"Hier wohnte..." - mit Stolpersteinen gegen das Vergessen

Vor 25 Jahren verlegte der Künstler Gunter Demnig den ersten Gedenkstein vor dem Rathaus in Köln. Mittlerweile sind europaweit mehr als 61.000 Stolpersteine hinzugekommen, um an die Opfer der Nationalsozialisten zu erinnern.

Gunter Demnig

Die so gennanten Stolpersteine sollen im Alltag an Menschen erinnern, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Euthanasie-Opfer, politisch Verfolgte, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeiter. "Mein Anliegen war, die Namen dorthin zurückzubringen, wo die Wohnungen waren, wo das Zuhause war, wo das Grauen begonnen hat", erklärt Gunter Demnig, der Erfinder der Stolpersteine.

Die so gennanten Stolpersteine sollen im Alltag an Menschen erinnern, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Euthanasie-Opfer, politisch Verfolgte, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeiter. "Mein Anliegen war, die Namen dorthin zurückzubringen, wo die Wohnungen waren, wo das Zuhause war, wo das Grauen begonnen hat", erklärt Gunter Demnig, der Erfinder der Stolpersteine.

Nur wenige Angaben sind auf den Steinen, sie berühren den vorüberschlendernden Betrachter trotzdem. Vielleicht gerade wegen ihrer Schnörkellosigkeit. Hier wird nichts geschönt, nichts dramatisiert. Nackte Zahlen – Geburtsjahr, Todesjahr, Deportationsjahr – und Angaben zum Schicksal des Menschen: verhaftet, verurteilt, verschollen, deportiert, ermordet in Minsk, Theresienstadt, Auschwitz.

Den ersten Stolperstein verlegte Demnig 1992 vor dem Rathaus in Köln. Illegal. Doch es habe wohl niemand gewagt, den Stein wieder herauszureißen, vermutet der Künstler. Auf dem Stein waren die ersten Zeilen des Himmler-Erlasses vom 16. Dezember 1942 eingraviert. Sinti und Roma sollten unverzüglich ins "Konzentrationslager – Zigeunerlager – Auschwitz" deportiert werden. Den gesamten Text deponierte Demnig im Hohlkörper des Steins.

Erst 1996 setzte Demnig in Berlin-Kreuzberg Steine mit der Überschrift "Hier wohnte..." in die Erde. Seitdem sind zehntausende Gedenksteine in Deutschland und in zwanzig weiteren europäischen Ländern auf Bürgersteigen, vor Einfahrten und auf öffentlichen Plätzen hinzugekommen, wie hier in Rom. Ein Stein kostet 120 Euro und wird über Patenschaften finanziert.

Alle Steine werden von Hand hergestellt. Eine industrielle Herstellung kommt für Demnig nicht infrage: "Auschwitz war Fabrik. Und das wollen wir nicht, wir wollen wirklich jedem einen individuellen Stein geben", betont er. Bis 2006 hat er die Steine noch selbst gestaltet. Danach hat der Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer die Aufgabe übernommen.

"Man kann Monumente bauen als generelle Entschuldigung", sagt der Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer. Aber sie hätten nicht die gleiche Wirkung. Allein schon, dass man sich bücken muss, um die Inschrift zu lesen, sei eine Verneigung vor den Opfern. "Ich habe Leute beobachtet, die gehen vorbei: Oh, Stein, gucken, dann lesen sie. Wie sich das Gesicht verändert – beeindruckend."

Doch es gibt auch Kritik an den Quadern - besonders in München, wo 2015 Demonstranten gegen die Stolpersteine auf der Straße gingen. Die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern vertritt die Meinung, dass die Erinnerung an die Menschen einen anderen Platz finden müsse "als zu unseren Füßen im Dreck", so ihr Pressesprecher Aaron Buck.

Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat hingegen kein Problem mit den Stolpersteinen: "Ich habe noch nie gesehen, dass jemand auf diesen Stolpersteinen rumtrampelt. Es handelt sich hier, wenn man so will, um Erinnerungsmöglichkeiten, um Anknüpfungspunkte der Erinnerung."

Auch nach zehntausenden eingesetzten Steinen, nach dem immer gleichen Prozedere – Pflastersteine ausbuddeln, Stolpersteine einsetzen, Messingplatte blank polieren – geht die Arbeit an Gunter Demnig nicht spurlos vorüber. "Es ist keine Routine, es ist eigentlich immer doch wieder ein Beschäftigen mit diesen einzelnen Schicksalen. Es ist eben jedes Mal ein Mensch."

Gunter Demnig ist mittlerweile 70 Jahre alt. Noch immer reist er mit Hammer, Mörtel und Knieschonern durchs Land und verlegt fast alle Steine selbst. "Irgendwann komme ich mit einem Rollator mit eingebautem Hammer", prophezeit er. Doch er hat vorgesorgt. Die "Stiftung – Spuren – Gunter Demnig" soll das Projekt weiterführen, wenn er es selbst nicht mehr kann.

Stand: 12.12.2017, 11:55 Uhr