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Scala - Aktuelles aus der Kultur mit Stefanie Junker

Was die Menschen im Sommer 1972 bewegt

Willy Brandt bleibt Kanzler. Das Olympia-Attentat erschüttert die Republik und die Welt. Und die Emanzipation der Frau ist... na ja, noch nicht überall vorgedrungen. Was bewegt die Menschen vor 50 Jahren, im Sommer 1972? Ein Rückblick.

Wie steht es im Jahr 1972 um die Emanzipation der Frau? Schon vorangekommen, aber noch lange nicht in alle Winkel der bundesdeutschen Gesellschaft vorgedrungen. Wovon Frauen angeblich träumen? Von der Ehe! Im so genannten Töchterpensionat werden junge Frauen auf den Bund fürs Leben vorbereitet. "Das ist doch der Wunsch jeder Frau, bewusst oder unbewusst", sagt die Leiterin in einem Fernsehbericht dazu. Dass Frauen berufstätig sind, sei – "na, sagen wir Notbehelf".

Hausfrau, von wegen. Immerhin hat der Deutsche Gewerkschaftsbund das Jahr 1972 zum "Jahr der Arbeitnehmerin" ausgerufen. Und Gewerkschafterin Gerda Linde, einzige Frau im Vorstand der Gewerkschaft Textil und Bekleidung, wundert sich über die Einstellung der Männer. Von der Bestimmung der Frau als Hausfrau und Mutter seien sie nach wie vor überzeugt, aber nehmen gerne in Kauf, dass ihre Frau auch verdient, um ein angenehmeres Leben führen können. "Ein Auto haben, weil die Frau arbeitet, und sich dann auf den Standpunkt stellen, dass die Frau ins Haus gehört. Wie passt das zueinander?"

In der Politik ist Emanzipation ebenfalls noch weit entfernt. In den 1972 neu gewählten Bundestag ziehen gerade mal 30 Frauen ein – 5,8 Prozent, die niedrigste Quote seit Gründung der Bundesrepublik. Deutlich weniger noch als in der Männergesellschaft der Ära Adenauer. Im Bundeskabinett von Kanzler Willy Brandt ist auch nur eine Frau: Katharina Focke im klassischen Ressort für Frauen, Familie und Gesundheit.

Willy Brandt bleibt Bundeskanzler – die politische Sensation des Jahres. Danach sieht es zunächst nicht aus. Die sozialliberale Koalition steht vor dem Aus, Brandts Ostpolitik ist in der Kritik. Abgeordnete wechseln die Seiten und sind zur Opposition übergetreten. Die CDU/CSU sieht ihre Stunde gekommen: Sturz von Willy Brandt durch die Wahl ihres Fraktionschefs Rainer Barzel zum Bundeskanzler. Doch soweit kommt es nicht.

Das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt scheitert. Wohl deswegen, weil zwei Unionsabgeordnete sich der Stimme enthalten haben. Sie haben Geld von der DDR-Staatssicherheit bekommen, die Barzels Sieg verhindern wollte, damit Brandts Ostpolitik fortgesetzt wird. Nun herrscht Patt im Bundestag zwischen Regierung und Opposition. Die Vertrauensfrage ist der einzige Weg, das Parlament aufzulösen. Die SPD gewinnt die Bundestagswahl im späten Herbst mit einem Traumergebnis von 45,8 % und auch die FDP legt zu.

1972, das Sportjahr wird geprägt durch die Olympischen Sommerspiele: 36 Jahre nach 1936 wieder auf deutschem Boden, in München. Als "heitere Spiele" sollen sie in die Geschichte eingehen – und bleiben unvergessen wegen eines dramatsichen Ereignisses: Elf israelische Sportler sterben bei einem Attentat. Palästinensische Terroristen dringen ins Olympische Dorf ein, töten zwei israelische Athleten und nehmen neun von ihnen als Geiseln. Die Fahnen wehen bei der Trauerfeier auf Halbmast.

Die Befreiungsaktion auf dem Militärflugplatz in Fürstenfeldbruck misslingt. Normale Streifenbeamte ohne Schutzwesten mit normalen Dienstpistolen kommen zum Einsatz. Gepanzerte Polizeifahrzeuge bleiben im Münchner Feierabendverkehr stecken. Alle Geiseln, ein Polizist und fünf Terroristen verlieren ihr Leben. Erschütterung, Fassungslosigkeit – und die Frage: Können die Spiele weitergehen? "The games must go on", sagt IOC-Präsident Avery Brundage.

Es ist noch früh im Jahr, da findet im schottischen Edinburgh der Eurovision Song Contest statt, damals noch Grand Prix d‘Eurovision de la Chanson genannt. Besonderheiten? Im Jahr 1972 noch eine rein westeuropäische Angelegenheit, die Musik kommt live von einem Orchester und alle singen in ihrer Landessprache. Siegerin Vicky Leandros tritt für Luxemburg an – und gewinnt. Das Luxemburger Lied ist eine "griechisch-deutsch-fran­zösische Gemeinschaftsarbeit". Was ist daran luxemburgisch, fragen Zuschauer und Reporter.

Zur gleichen Zeit tourt ein großes musikalisches Spektakel durch die Republik: "Jesus Christ Superstar", ein Ereignis, das man erstmals Rockoper nannte. Von Andrew Lloyd Webber komponiert und in New York uraufgeführt, kommt der biblische Superstar 1972 in die Münsterlandhalle zur Deutschlandpremiere. Maria Magdalena wird als Prostituierte dargestellt, Herodes als Transvestit. Die von der Premiere berichtende Kulturreporterin findet das kitschig und peinlich.

Juliane Werding ist im Sommer ‘72 gerade einmal 16 Jahre alt, kann etwas Gitarre spielen und hat trotz ihrer Jugend eine kräftige Stimme. "Am Tag, als Conny Kramer starb" soll vor Drogensucht warnen. "Also ich habe jetzt ein paar Briefe erhalten und einige sind dadurch losgekommen", sagt die Gymnasiastin und ist überzeugt: "Ich finde, dadurch hat die Platte ihren Sinn vollkommen erfüllt."

Das Filmereignis des Jahres 1972 – hätte fast gar nicht stattgefunden. Jedenfalls nicht in dieser Fassung. "Der Pate" wird verfilmt. Und so erfolgreiche Regisseure wie Sergio Leone, Peter Yates oder Constantin Costa-Gavras lehnen allesamt ab: kein Interesse. Also kommt der erst 31-jährige Francis Ford Coppola zum Zug.

Der will Marlon Brando als Paten haben. Die Produktionsfirma ist dagegen. Brando gilt als schwierig und unzuverlässig bei Dreharbeiten. Außerdem ist er damals gerade mal 47 Jahre alt. Der Don Vito in der Romanvorlage dagegen ein älterer Herr im fortgeschrittenen Rentenalter. Coppola setzt sich durch. "Der Pate" wird ein riesiger Erfolg – Marlon Brando gewinnt im folgenden Jahr als bester männlicher Hauptdarsteller den Oscar.

Stand: 28.07.2022, 17:06 Uhr