Wie Shigeru Takato den Nachrichtenfluss anhält

Wie Shigeru Takato den Nachrichtenfluss anhält

Mit seiner Fotoserie "Television Studios" will der japanische Künstler Shigeru Takato einen Moment des Innehaltens erzwingen. Seine Bilder zeigen menschenleere TV-Studios aus aller Welt.

TV-Studio in Kuala Lumpur

"Das Medium Fernsehen porträtiert unsere Welt durch Reportagen und Geschichten. Die Medien haben die Macht, unsere Wahrnehmung der Welt zu beeinflussen", schreibt Shigeru Takato in dem jüngst erschienen Bildband "Civilization: Wie wir heute leben".

"Das Medium Fernsehen porträtiert unsere Welt durch Reportagen und Geschichten. Die Medien haben die Macht, unsere Wahrnehmung der Welt zu beeinflussen", schreibt Shigeru Takato in dem jüngst erschienen Bildband "Civilization: Wie wir heute leben".

"Meine Reaktion besteht darin, diesen monodirektionalen Informationsfluss aufzufangen und ihn in fotografischer Form neu zu präsentieren", so Shigeru Takato. "Ich trete mit der Kamera im Rucksack aus dem Wohnzimmer heraus und verfolge seinen Weg zurück zur Quelle – dem Fernsehstudio."

Befremdlich wirken seine Bilder. Der japanische Künstler fotografiert seit 2001 Fernsehstudios. Doch in den Studios passiert nichts. Dort, wo normalerweise die Welt erklärt wird, wo getalkt wird, wo Leute Witze reißen oder ihr neues Buch vorstellen, ist keine Menschenseele ist zu sehen.

Mehr als 200 TV-Studios hat Shigeru Takato schon mit einem Stativ und seiner analogen 4x5-Zoll-Großformat-Plattenkamera besucht, einer Linhof aus dem Jahr 1950. Kurz bevor die Sendung beginnt, drückt er auf den Auslöser.

Shigeru Takato wurde 1972 in Japan geboren, studierte Fotografie in Neuseeland und an der Kölner Kunsthochschule für Medien. Seit 15 Jahren lebt er in Deutschland und reist von hier aus um die Welt, in europäische Länder, nach Asien, Südamerika, Ozeanien und in den Nahen Osten.

Zugang zu den Studios zu bekommen, ist nicht ganz einfach. Meistens braucht es mehrere Anläufe, bis ihm schließlich Einlass gewährt wird. Auch der Zugang zu den WDR-Studios wurde ihm zunächst aus versicherungstechnischen Gründen verwehrt. Doch man fand eine kreative Lösung: Er wurde als Praktikant eingestellt. So konnte er während seines Praktikums 13 Studios ablichten.

Auch in Syrien wollte Shigeru Takato Fotos machen. Er reiste 2010 ohne Termin, aber mit guter Hoffnung nach Damaskus. Doch vor dem Haupteingang des staatlichen Rundfunksenders standen bewaffnete Soldaten und verwehrten ihm Einlass. Syrische Künstler vermittelten ihm schließlich einen Kontakt zu einem Senderverantwortlichen – und siehe da, ein paar Tage später wurde er durch die Studios geführt.

Die heimeligen Studios in Georgiens Hauptstadt Tiflis geben keinen Hinweis darauf, wie das Rundfunkgebäude von außen aussieht. Es ist übersät von Einschusslöchern. Es sind "Narben", die seit den 1990ern immer noch viele Gebäude in der Stadt tragen.

In der lettischen Hauptstadt Riga stutzte Shigeru Takato, als er im Aufzug stand. Der Grund: Es gab keinen Knopf für die sechste Etage. Das Stockwerk gab es natürlich natürlich trotzdem. Nur war es reserviert – vom russischen Geheimdienst KGB.

Während der Führung durch den staatlichen Rundfunksender in Belgrad erzählte ein Mitarbeiter dem Künstler von der Bombardierung durch die NATO im Jahr 1999. 16 Kollegen habe er damals verloren. Er selbst sei schwerverletzt und verschüttet im ersten Stock gefunden worden. Das zerschossene Gebäude steht noch immer. Aus der einstigen Senderzentrale ist ein Mahnmal geworden. Heute wird aus einem modernen Gebäude gesendet, das in Sichtweite steht.
Shigeru Takato war am 6. Dezember 2018 zu Besuch in Neugier genügt.

Stand: 06.12.2018, 09:30 Uhr