Schecks Bücher: Tania Blixen - Afrika, dunkel lockende Welt (42/100)

Buchcover von Tania Blixen: Afrika, dunkel lockende Welt

Schecks Bücher: Tania Blixen - Afrika, dunkel lockende Welt (42/100)

Tania Blixen blickt in ihrem Roman wehmütig zurück auf die 17 Jahre, die sie auf einer Farm in Afrika verbrachte. Eine beeindruckende Frau, die von sich selbst sagt: "Am höchsten von allem, was ich besitze, setze ich meine Freiheit…"

Nichts hat Tania Blixen sehnlicher erstrebt als Unabhängigkeit. Die Ehe mit dem schwedischen Baron Bror von Blixen-Finecke sollte der 1885 geborenen Dänin durch den Adelstitel diese Unabhängigkeit bescheren. Stattdessen steckte er sie mit Syphilis an, verjuxte auf Großwildjagden ihr Vermögen und trieb ihr gemeinsames Unternehmen an den Rand des Ruins. Blixens zweiter Versuch, unabhängig zu werden, ließ sie die Geschäftsführung dieses Unternehmens selbst übernehmen, einer Kaffeefarm mit über tausend Arbeitern am Rand von Nairobi im damaligen Britisch-Ostafrika. Als sie Anfang der 30er Jahre den Konkurs der Farm nicht abwenden konnte, griff die gescheiterte Ehefrau und Unternehmerin Tania Blixen zum dritten Mal nach persönlicher Unabhängigkeit: nun als Schriftstellerin. Und diesmal sollte es der in Deutschland als Tania Blixen, in der angloamerikanischen Welt aber als Isak Dinesen bekannten Autorin gelingen: ihr autobiographischer Erfahrungsbericht "Out of Africa", "Afrika, dunkel lockende Welt" von 1937 machte sie weltberühmt und trug ihr die Achtung von Kollegen wie Ernest Hemingway ein, der in seiner Dankrede zum Literaturnobelpreis 1954 immerhin so weit ging zu erklären:

"Ich wäre heute froh – noch froher – , wenn dieser Preis an die Schriftstellerin Isak Dinesen gegangen wäre."

Wann haben wir in letzter Zeit einen ähnlichen Satz eines männlichen Literaturpreisträgers gehört wie diesen vom vermeintlichen Machismo-Monster Hemingway? Und Hemingway hat recht: auch wir wären heute froh, hätte Tania Blixen den Literaturnobelpreis erhalten. Verdient hätte sie ihn allemal. Für ihre Vielseitigkeit und wohltuende Unausrechenbarkeit. Für ihre Beschreibungskunst, die sie mit wenigen Worten unvergessliche Stimmungen und Atmosphären evozieren lässt. Und natürlich für "Afrika, dunkel lockende Welt", das man als ihr Hauptwerk zu bezeichnen aus dem einzigen Grund zögert, weil Tania Blixens andere Bücher so unterschiedlich und doch alle so gleich schön sind, dass sie von einer anderen Autorin zu stammen scheinen.

"Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngongberge. Hundert Meilen nördlicher lief der Äquator durchs Hochland, aber die Farm lag in einer Höhe von über zweitausend Metern. Da spürt man tagsüber die Höhe, die Nähe der Sonne, aber die Morgenfrühe und die Abende sind klar und friedvoll, und die Nächste sind kalt."

Blixens Roman ist längst zu einem Klassiker des 20. Jahrhunderts geworden, sein vielzitierter Beginn Ausweis für ihre faktenorientierte und unprätentiöse Erzählweise. "Afrika, dunkel lockende Welt" ist ein Buch des Abschieds, ein Buch, aus dem man sterben lernen kann – und lieben.

"Die Entdeckung der schwarzen Rasse war für mich eine wunderbare Bereicherung der Welt. Ein Mensch, der mit einer angeborenen Liebe zu den Tieren in einer Umwelt ohne Tier aufgewachsen wäre und erst spät im Leben mit Tieren in Berührung käme, oder ein Mensch, der eine instinktive Neigung für Holz und Wälder hätte und zum erstenmal als Zwanzigjähriger einen Wald beträte, oder ein Mensch mit musikalischem Gehört, der zufällig erst als Erwachsener zum erstenmal Musik zu hören bekäme, würde sich in der gleichen Lage befinden wie ich. Sowie ich mit den Eingeborenen in Fühlung gekommen war, fügte ich den Rhythmus meines täglichen Lebens dem großen Orchester ein."

Ist es rassistisch, die Liebe zu den Schwarzen Afrikas mit der Liebe zu Tieren, zum Wald oder zur Musik zu vergleichen? Natürlich ist auch Tania Blixen nicht frei vom Kolonialdenken ihrer Zeit. Hier schreibt eine Aristokratin, die in Afrika jene feudale Gesellschaftsordnung lebt, die in Europa gerade im Ersten Weltkrieg untergeht. Die Menschen, mit denen sich Blixen umgibt, sind Exilierte, aber nicht Exilierte im Raum, sondern Exilierte in der Zeit:

"Kein anderes Volk außer England konnte sie hervorgebracht haben, aber sie waren verachtet, ihr England war ein England von einst, eine Welt, die es nicht mehr gab. In der Gegenwart hatten sie keine Heimat, sie wanderten von einem Ort zum andern und kamen so im Lauf der Zeit auch auf die Farm. Aber sie selbst merkten das nicht. Sie hatten sogar im Gegenteil ein Gefühl von Schuld dem Leben in England gegenüber, das sie verlassen hatten, als sei es, eben weil es sie langweilte, eine Pflicht, vor der sie ausgerissen seien, während ihre Freunde sie erfüllten."

Und doch erzählt "Afrika, dunkel lockende Welt" nicht nur von Jagdausflügen einiger europäischer Reaktionäre und Snobs auf einer Kaffeeplantage in der Nähe Nairobis. Die Sinnlichkeit von Blixens Prosa ergibt sich gleichermaßen durch ihr hohes Maß an Empathie wie durch ihre erstaunliche Beobachtungsgabe, dem genauen Blick für die Natur, die Sitten der Kikuyu und Massai, der Somalis und Suahelis. In der wunderbar dezent erzählten Liebesgeschichte zu dem Großwildjäger und Flieger Denys Finch Hatton gelingen der Schriftstellerin Tania Blixen ihre stärksten Passagen:

"Denys hatte eine Eigenschaft, die viel für mich bedeutete, er liebte, Geschichten erzählen zu hören. Denn ich war immer der Meinung, daß ich in den Tagen der Pest in Florenz eine gute Figur gemacht hätte. Die Mode hat gewechselt, und die Kunst, einem Erzähler zu lauschen, ist in Europa verlorengegangen. Die Eingeborenen in Afrika, die nicht lesen können, haben sie noch bewahrt, und wenn man zu ihren sagt: „Es war einmal ein Mann, der ging hinaus in die Steppe und traf dort einen anderen Mann …“, dann hat man sie alle gewonnen, und ihr Geist begibt sich auf den unbekannten Pfad der Männer in der Steppe. Weiße dagegen – auch wenn sie meinen, sie sollten es können – verstehen nicht zuzuhören. Entweder werden sie zappelig, und es fällt ihnen etwas ein, was sofort gemacht werden muß, oder sie schlafen ein. Die gleichen Leute bitten einen dann um Lektüre und können einen ganzen Abend lang vor gedruckten Worten sitzen, sie können sogar eine Rede lesen. So sehr sind sie gewöhnt, ihre Eindrücke mit dem Auge aufzunehmen."

Anders als im Roman hat die Liebe zu Denys Finch Hatton im Leben nicht bis zu seinem Flugzeugabsturz gehalten. Er weigerte sich, mit seinem Vermögen für die Schulden von Blixens Farm zu bürgen, was sie ihre Unabhängigkeit als Farmerin verlieren ließ. In einem Brief an ihren Bruder beklagt sich Blixen über die Gründe für ihr Scheitern.

"Es ist ja eine Schande, wie Mädchen erzogen werden. Ich bin fest davon überzeugt, daß wenn ich als Knabe geboren worden wäre, ich mit genau demselben Verstand und den übrigen Fähigkeiten, die ich nun habe, imstande gewesen wäre, mich selbst sehr gut durchzubringen."

Tania Blixen: “Afrika, dunkel lockende Welt” Manesse, 480 S., 59,90 €

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.

Schecks Bücher: Tania Blixen - Afrika, dunkel lockende Welt (42/

WDR 5 Schecks Bücher | 12.01.2018 | 06:54 Min.

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