Schecks Bücher: Oscar Wilde - De Profundis (37/100)

Buchcover von Oscar Wilde: De Profundis

Schecks Bücher: Oscar Wilde - De Profundis (37/100)

Oscar Wilde war in der englischen Gesellschaft ein Außenseiter im doppelten Sinne. Er war Ire und lebte offen homosexuell. Seine heutige Aktualität und Brisanz resultiert aus seinem unbedingten Willen, die Kunst über das Leben zu stellen.

Oscar Fingal O’Flaherty Wilde war der hellste Stern am geistigen Firmament Großbritanniens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Niemand war geistreicher, witziger, schlagfertiger. Niemand sah tiefer und furchtloser in die ungeheuerlichen Abgründe der Heuchelei seiner Gesellschaft. Und niemand vermochte solche Sprengsätze zu formulieren, mit denen Oscar Wilde sämtliche Glaubensgewißheiten dieser viktorianischen Gesellschaft buchstäblich in die Luft jagt.

Etwa wenn Wilde über Geld schreibt …

"Die jungen Leute von heute glauben, Geld sei alles … Wenn sie älter werden, wissen sie es." 

Oder über Familienleben …

"Ich habe beide Eltern verloren.“ – „Beide? Einen von beiden zu verlieren mag als ein Unglücksfall betrachtet werden … beide zu verlieren, das sieht nach Unachtsamkeit aus."

Oder über Bildung …

"Wir leben im Zeitalter der Überarbeiteten und der Untergebildeten; einem Zeitalter, in dem die Leute derart geschäftig sind, daß sie völlig verdummen."

Oder über Gut und Böse …

"Gute Vorsätze sind nutzlose Versuche, in wissenschaftliche Gesetze einzugreifen. […] Sie sind Schecks, auf eine Bank gezogen, bei der man kein Konto hat."

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Das ist der Wilde-Sound, den wir kennen und lieben. Der Wilde von "Das Bildnis des Dorian Gray", der Wilde von "Bunbury oder die Bedeutung, Ernst zu sein", nicht zuletzt der Wilde der Kunstmärchen. Alert, immer eine Pointe auf Lager, unseren Erwartungen stets um mindestens eine Nasenlänge voraus: der Ick-bün-all-dor-Oscar Wilde. So sehr ich diesen Oscar Wilde schätze, in meinen Kanon möchte ich ihn mit einem ganz anderen Text aufnehmen. "De Profundis", "Aus der Tiefe". Der Titel, eine Anspielung auf Psalm 130 "Aus der Tiefe rief ich, Herr, zu Dir …" stammt vom Herausgeber Robert Baldwin Ross, einem früheren Geliebten Wildes. Wilde schreibt "De Profundis", nachdem er am 25. Mai 1895 im Londoner Old Bailey zu zwei Jahren Zwangsarbeit wegen Sodomie verurteilt wurde. "De Profundis" ist einesteils ein bitterer, ein vergifteter Liebesbrief, den Oscar Wilde aus der Haft in verschiedenen englischen Zuchthäusern seinem Geliebten Lord Alfred Bruce Douglas schreibt. Und anderenteils eine schonungslose Bestandsaufnahme seines bisherigen Lebens und seiner künstlerischen Glaubenssätze. Oscar Wilde schlägt in diesem offenen Brief einen ganz anderen Ton an, fern jeder Frivolität:

"Leiden ist ein sehr langer Augenblick. Es läßt sich nicht nach Jahreszeiten abteilen. Wir können nur seine Stimmungen aufzeichnen und ihre Wiederkehr buchen. Für uns schreitet die Zeit selbst nicht fort. Sie dreht sich. Sie scheint um einen Mittelpunkt zu kreisen: den Schmerz. Die lähmende Unbeweglichkeit eines Lebens, das in allem und jedem nach einer unverrückbaren Schablone geregelt ist, so daß wir essen und trinken und spazieren gehn und uns hinlegen und beten oder wenigstens zum Gebet niederknien nach den unabänderlichen Satzungen einer eisernen Vorschrift: diese Unbeweglichkeit, die jeden Tag mit seinen Schrecken bis auf die kleinste Einzelheit seinem Bruder gleichen läßt, scheint sich den äußern Gewalten mitzuteilen, deren ureignes Wesen der beständige Wechsel ist. Von Saat und Ernte, von den Schnittern, die sich über das Getreide neigen, von den Winzern, die sich durch die Rebstöcke schlängeln, von dem Gras im Garten, über das sich die weiße Decke der abgefallenen Blüten breitet oder die reifen Früchte ausgestreut sind: davon wissen wir nichts und können nichts wissen. Für uns gibt es nur eine Jahreszeit: die Jahreszeit des Grams. Die Sonne selbst und der Mond scheinen uns genommen. Draußen mag der Tag in blauen und goldnen Farben leuchten – das Licht, das zu uns hereinkriecht durch das dicht beschlagene Glas des kleinen, mit Eisenstäben vergitterten Fensters, unter dem wir sitzen, ist grau und karg. In unsrer Zelle herrscht stets Zwielicht, in unserm Herzen Mitternacht. Und im Bereich des Denkens stockt, ebenso wie im Kreislauf der Zeit, alle Bewegung. Was Du persönlich längst vergessen hast oder leicht vergessen kannst, trifft mich heut und wird mich morgen wiederum treffen. Das bedenke, und Du vermagst ein wenig zu verstehen, warum ich schreibe und so schreibe..."

"De Profundis" vermag auch heute noch Zornesfalten über die Unmenschlichkeit in Leserstirnen zu treiben. Oscar Wildes Aktualität liegt nicht in seinem doppelten Außenseitertum als Ire und Homosexueller in der englischen Gesellschaft. Seine Brisanz resultiert aus seinem unbedingten Willen, die Kunst über das Leben zu stellen. In diesem Sinne ist Wilde auch heute noch ein "Hütchenspieler", wie ihn der Theaterkritiker Gerhard Stadelmeier einmal genannt hat, einer, der die Verhältnisse zum Tanzen bingt. Wer ihm folgt, ist für alle Zeiten für die Reden von Kirchentagspräsidenten verloren oder vermag sie jedenfalls nur mit wundgebissenen Innenbacken zu überstehen.

Wie macht Oscar Wilde das? Der große Kritiker Alfred Polgar hat einmal Oscar Wildes Stil untersucht und Wildes "Herstellungsmethode" analysiert. Polgar nannte an typische Wildeschen Stilmitteln unter anderem:

"den den Vordersatz aufhebenden Nachsatz; das verkehrte Sprichwort; den Tausch von Schluß und Prämisse,; die Pyramide mit der Spitze unten und der Basis oben; die Behandlung einer moralischen Frage als ästhetische; das Einmaleins als Geschmackssache; die Umdrehung platten Sinns zu apartem Unsinn."

Das ist alles richtig. Ich aber glaube, Oscar Wilde, dem Apologeten der Lüge, stand eine noch viel schärfere Waffe zu Gebot: die Wahrheit.

*

Oscar Wilde
"De profundis"
Deutsch von Max Meyerfeld
Diogenes, 280 S., 9 € 90.

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.

Schecks Bücher: Oscar Wilde - De Profundis (37/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 08.12.2017 | 06:25 Min.

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