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Schecks Bücher: Miguel de Cervantes - Don Quijote (89/100)

Buchcover von Miguel de Cervantes: Don Quijote

Schecks Bücher: Miguel de Cervantes - Don Quijote (89/100)

Sie werden noch in vierhundert Jahren gegen Windmühlen reiten, so wie sie vor vierhundert Jahren zum ersten Mal gegen Windmühlen ritten: Der spindeldürre Don Quijote und der dicke Sancho Pansa sind unsterblich.

Vor rund 15 Jahren veranstalteten die Schwedische Akademie und ein norwegischer Buchclub –zwei Institutionen des literarischen Lebens, deren intellektuelle Reputationen sich mittlerweile fast angenähert haben – einen seltsamen Literaturjux: Sie luden hundert renommierte Autorinnen und Autoren der Gegenwart dazu ein, in einer Abstimmung die hundert bedeutendsten Werke der Weltliteratur zu küren. Auf Platz eins kam mit weitem Abstand Miguel de Cervantes‘ "Don Quijote von der Mancha". Woran liegt das?

Weil niemand heute einen Roman schreiben kann, ohne bewusst oder unbewusst in der Schuld und meist auch im Schatten von Cervantes zu stehen. Dass am Anfang der modernen Romanliteratur eine Satire auf die gerade in Mode befindlichen Ritterromane steht, ist ein Insiderwitz der Literaturgeschichte. Wir begegnen in diesem Buch zwei Männern, die aus der Zeit gefallen sind: Sie leben in einer Ära des Schießpulvers, der Kanonen, Arkebusen und Musketen, des anonymisierten Massentodes auf den Schlachtfeldern Europas also; aber sie denken, handeln und empfinden gemäß eines Moralkodex des fahrenden Rittertums, einer Epoche mithin, die mehrere Jahrhunderte zurückliegt. Die Zeit, in der Ritter im fairen Zweikampf Mann gegen Mann aufeinander eindroschen, in der die Evolution der Waffentechnik noch Schritt hielt mit der Evolution des Ehrbegriffes, hat allerdings zwei entscheidende Nachteile: Erstens ist sie zur Handlungszeit des "Don Quijote" lange vorbei; zweitens, und schlimmer noch, hat es sie nie gegeben, weil sie ein literarisches Phantasma ist.

"Verzeih mir, lieber Freund, dass du durch meine Schuld ebenso verrückt hast erscheinen müssen wie ich, der ich dich ansteckte mit meinem eigenen Irrsinn, dass es fahrende Ritter auf der Welt gegeben habe und gebe."

Sagt Don Quijote zu seinem Knappen Sancho Pansa am Ende des Romans auf dem Totenbett. Der aber hat zum Sterben ebenso wenig Lust wie zur Desillusionierung – schließlich handelt es sich hier um die folgenreichste literarische Männerfreundschaft aller Zeiten – und erwidert:

"Nein!" antwortete Sancho weinend. "Sterbt nur nicht, liebster Herr, nehmt meinen Rat an, lebt noch viele Jahre. In keine größere Verrücktheit kann der Mensch sich im Leben stürzen, als sich einfach so dem Tod zu überlassen, ohne dass ihn eine fremde Hand töten oder eine andere als die der Schwermut zu Tode bringen würde. Kommt, seid nicht faul, steht auf vom Bett, wir wollen in Schäfertracht aufs Land hinaus, wie wir’s besprochen haben. Vielleicht finden wir dort hinter einem Busch die entzauberte Frau Doña Dulcinea, so schön, daß uns die Augen übergehen. Sterbt Ihr aus Kummer, weil man Euch bezwungen hat, gebt mir die Schuld und sagt, Ihr wurdet abgeworfen, weil ich Rocinante nicht fest genug gegurtet hatte, und obendrein wisst Ihr doch aus Euren Ritterbüchern, dass sich alle naselang die Ritter gegenseitig niederwerfen und der heut Besiegte morgen Sieger ist."

Mit anderen Worten: Hinter dem Horizont geht’s weiter. Cervantes lesen heißt lernen, Ambiguitäten auszuhalten. Die Riesen sind in Wahrheit Windmühlen? Weit gefehlt, die Windmühlen sind verzauberte Riesen, lehrt uns Don Quijote! Immer wieder inszeniert Cervantes den Zusammenstoß von Ideal und Wirklichkeit – nur verschwimmt im Laufe des Romans die Grenze zwischen beiden so sehr, daß eben nicht das plumpe Realitätsprinzip den Sieg fortwährend davonträgt. So begegnen wir zum Beispiel in Gestalt des Herzogs und der Herzogin im zweiten Teil des Don Quijotes Figuren, die Sancho Pansa und seinen Herrn schon kennen, weil sie Teil eins bereits gelesen haben: Autoreferentialität nennt das die moderne Literaturwissenschaft. 

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Mario Vargas Llosa, der wohl bedeutendste, sicher aber der gebildetste lebende spanischsprachige Schriftsteller unserer Zeit, hat unlängst darauf hingewiesen, daß Don Quijote kein Reaktionär ist. Don Quijote würde nicht Afd wählen. Der Ritter von der traurigen Gestalt ist eben kein Ewiggestriger, der Sehnsucht nach einer Zeit empfindet, die er selbst nie erlebt hat. Kein Nostalgiker, verliebt in eine unwiederbringliche Vergangenheit. Die Gesellschaft, in der Don Quijote leben möchte, trägt ganz im Gegensatz utopische Züge: außerhalb der Welt zwischen zwei Buchdeckeln hat es sie nie gegeben. Don Quijote sehnt sich nicht nach der Welt des Hochmittelalters, sondern nach der Welt des Weißen Ritters Tirant lo Blanc und Amadis von Gallien und ihren hunderten Epigonen.

Das Leben des Autors Miguel de Cervantes liest sich selbst wie ein Roman. Geboren 1547 in Spanien, Kammerdiener eines italienischen Kardinals in Rom, seit der Seeschlacht von Lepanto als Kriegsinvalide gelähmt an der linken Hand, nach einem Piratenüberfall fünf Jahre christlicher Sklave im islamischen Algier, danach wenig glücklich als Steuereintreiber agierend, wegen Korruption von einem Inquisitionsgericht verurteilt und mehrfach im Gefängnis, dort beginnt er auch den "Don Quijote", dessen erster Teil 1605 erscheint und den er zehn Jahre später in Freiheit abschließt. Es ist ein Buch der Wunder. Wie Literatur entsteht, wie sie auf ihre Leser wirkt und welche Wechselwirkungen zwischen Leben und Literatur bestehen: davon erzählt "Don Quichote de la Mancha". Das Nachdenken über den Quijote hört nimmer auf. Ein Resultat davon ist Franz Kafkas kurzer Text "Die Wahrheit über Sancho Pansa", in dem er die Rollenverteilung der berühmtesten Männerfreundschaft der Weltliteratur sublim auf den Kopf stellt:

"Sancho Pansa, der sich übrigens dessen nie gerühmt hat, gelang es im Laufe der Jahre, durch Beistellung einer Menge Ritter- und Räuberromane in den Abend- und Nachtstunden seinen Teufel, dem er später den Namen Don Quixote gab, derart von sich abzulenken, daß dieser dann haltlos die verrücktesten Taten aufführte, die aber mangels eines vorbestimmten Gegenstandes, der eben Sancho Pansa hätte sein sollen, niemandem schadeten. Sancho Pansa, ein freier Mann, folgte gleichmütig, vielleicht aus einem gewissen Verantwortlichkeitsgefühl dem Don Quixote auf seinen Zügen und hatte davon eine große und nützliche Unterhaltung bis an sein Ende."

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Miguel de Cervantes: "Don Quijote von der Mancha"
Deutsch von Susanne Lange
Hanser, 2 Bd., 1488 Seiten, 68 Euro

Schecks Bücher: Miguel de Cervantes - Don Quijote (89/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 14.12.2018 | 06:08 Min.

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Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.