Schecks Bücher: Marcel Proust - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Buchcover von Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Schecks Bücher: Marcel Proust - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Dieser monumentale Roman ist eines der bedeutendsten erzählenden Werke des 20. Jahrhunderts. Der Stil von Marcel Proust zumindest gewöhnungsbedürftig: seine langen Sätze, seitenlange Beschreibungen von Kleidern und Blumen.

Dieser monumentale Roman ist eines der bedeutendsten erzählenden Werke des 20. Jahrhunderts. Der Stil von Marcel Proust zumindest gewöhnungsbedürftig: seine langen Sätze, seitenlange Beschreibungen von Kleidern und Blumen.

Lange blieb mir dieses Riesenwerk verschlossen. Proust? Dachte ich. Zu snobistisch, zu empfindlerisch, zu schwul. Mir jedenfalls. Am meisten störte mich der Adelstick von Proust, diese Faszination von einer Elite im Moment des Verlusts ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Aber dann las ich irgendwann einen Brief des damals 16jährigen Marcel Prousts an seinen Großvater, und mir fiel wie Schuppen von den Augen, was uns von der Erfahrungswelt Prousts himmelweit trennt – und wie viel uns verbindet:

"Ich bitte dich in deiner Großzügigkeit um die Summe von 13 Francs, die ich von Monsieur Nathan erbitten wollte, aber Mama möchte lieber, dass ich dich frage. Und zwar deshalb: Ich musste so dringend eine Frau sehen, um mit meiner schlechten Gewohnheit zu masturbieren aufzuhören, dass Papa mir 10 Francs fürs Bordell gegeben hat. Aber erstens habe ich in meiner Aufregung den Nachttopf zerbrochen, 3 Francs, und zweitens konnte ich in derselben Aufregung nicht vögeln. Jetzt stehe ich da wie zuvor und brauche immer noch die 10 Francs, um mich zu erleichtern, plus 3 Francs für den Topf. Aber ich traue mich nicht, so schnell wieder Papa um Geld zu bitten, und ich habe gehofft, dass du mir in dieser Lage zu Hilfe kommen würdest, die, wie du weißt, nicht nur außergewöhnlich ist, sondern einmalig: es passiert nicht zweimal im Leben, dass man zu verwirrt ist, um vögeln zu können."

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Ganz sicher leben wir Menschen der Bundesrepublik des Jahres 2018 in einer anderen Welt als Marcel Proust – oder hätten Sie so einen Brief an Ihren Opa schreiben können? Aber es wäre ja ein Irrtum zu glauben, wir kämen schon als Menschen zur Welt. Unsere Aufgabe ist vielmehr, uns zu solchen zu entwickeln, indem wir unsere Erlebnisfähigkeit trainieren, ein Wertesystem entwickeln, uns einen moralischen Kompass zulegen. Doch wie geht das? Zum Beispiel, indem wir Marcel Proust lesen. Die gut viertausend Seiten von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ sind eine Schule der Empfindsamkeit. Proust ist ein Kartograph auf dem Kontinent der Gefühle, ein Entdecker bislang unbeschriebener Eindrücke, ein nie genug zu rühmender Erstbesteiger von Gipfeln des Gefühls wie etwa dem des in Albertine Simonet verliebten Ich-Erzählers der Recherche Marcel, der seine Geliebte wie eine Gefangene hält und dem darüber seine Liebe abhanden kommt.

"Von Albertine (….) hatte ich nichts mehr zu erwarten. Täglich erschien sie mir weniger hübsch, einzig das Begehren, das sie bei anderen weckte, hob sie, wenn ich davon erfuhr, wieder zu leiden begann und sie jenen streitig machen wollte, in meinen Augen noch einmal zu neuem Ansehen empor. Sie konnte mir Leiden bereiten, aber durchaus keine Freude. Durch das Leiden allein wurde meine Anhänglichkeit an sie genährt. Sobald dies Leiden verschwand und mit ihm das Bedürfnis, ihm entgegenzutreten, das meine ganze Aufmerksamkeit wie eine qualvolle Zerstreuung in Anspruch nahm, spürte ich, welches Nichts sie für mich und welches ich selbst gewiß auch in ihren Augen war."

Wohl dem, der nie eine solche Albertine in seinem Leben hatte … Am Ende, nachdem er einen Rolls Royce und eine Yacht für Albertine springen ließ und seine Eifersucht dennoch verhinderte, ihr Herz zu gewinnen, serviert Proust Albertine recht schnöde ab, indem er sie vom Pferd stürzen läßt, wonach der Erzähler zur Ablenkung nach Venedig reist. Marcel Prousts berühmter Satz, wonach jeder Leser immer nur ein Leser seiner selbst sei, stimmt insofern, als daß Proust uns mit seinem siebenbändigen Zyklus ein Werkzeug hinterlassen hat, mit dessen Hilfe wir tatsächlich unser Ich erforschen, unser Seelenleben unters Mikroskop seines Romans legen können. Mit Nabelschau hat das nichts zu tun – eher mit dem aufregendsten aller Abenteuer, die wir in unserem Leben bestehen können: der Entdeckung der eigenen Persönlichkeit.

Wer hat an der Uhr gedreht … In einem sind sich alle Proust-Leser einig: dieser Autor stellt etwas bislang in der Literatur noch nie Dagewesenes mit unserer Wahrnehmung von Zeit an. Literatur ist eine Erfindung des Widerstands gegen die Zeit. Das Tragische an unserer Sterblichkeit ist ja nicht, daß wir einmal nicht mehr sein werden und keine Zukunft mehr besitzen, sondern daß alles, was wir erlebt und empfunden haben, unsere Erinnerungen, Gedanken, Gefühle, unsere Vergangenheit, mit uns verschwinden werden. Dagegen wehrt sich Marcel Proust mit seinem Großroman ohne je in die Falle der Sentimentalität zu tappen "Es ist die Höflichkeit Prousts, dem Leser die Beschämung zu ersparen, sich für gescheiter zu halten als der Auto", merkt Theodor Adorno an und hat wie so oft recht mit seinem Befund, daß wir es hier mit einem sowohl eminent intelligent wie empfindsamen Autor zu tun haben.

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Marcel Proust: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Deutsch von Eva Rechel-Mertens, revidiert von Lucius Keller

Suhrkamp, 5300 Seiten, 98 €

Schecks Bücher: Proust - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

WDR 5 Schecks Bücher | 08.06.2018 | 05:09 Min.

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Redaktion: Valentina Dobrosavljevic

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.