Schecks Bücher: J.K. Rowling - Harry Potter (76/100)

Buchcover von J.K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen

Schecks Bücher: J.K. Rowling - Harry Potter (76/100)

Hogwarts, Quidditch und Gryffindor - mit Harry Potter ist der Autorin J.K. Rowling nichts geringeres als ein "literarisches Wunder" gelungen, meint Denis Scheck. Diese Bücher stellen unter Beweis, welche Macht Literatur hat.

Hufflepuff oder Slytherin? Gryffindor oder Ravenclaw? Manchmal kleiden sich die entscheidenden Fragen im Leben in seltsame Vokabeln. Im Zaubererinternat Hogwarts fällt ein sprechender Hut das für die weitere Schülerlaufbahn zentrale Urteil, in welches Haus man gehört:

„In Slytherin weiß man noch
List und Tücke zu verbinden,
doch dafür wirst du hier noch
echte Freunde finden.“

„Bist du geschwind im Denken,
gelehrsam auch und weise,
dann machst du dich nach Ravenclaw,
so wett ich, auf die Reise.“

„In Hufflepuff dagegen
ist man gerecht und treu.
Man hilft dem andern, wo man kann
und hat vor Arbeit keine Scheu.“

„Vielleicht bist Du ein Gryffindor,
sagt Euer alter Hut,
denn dort regieren, wie man weiß,
Tapferkeit und Mut“

Ich weiß nicht, wie der sprechende Hut die Frage beantworten würde, ob J. K. Rowlings siebenbändige Romanreihe um Harry Potter und seine Internatsfreunde Hermine Granger und Ronald Weasley zur Weltliteratur zählt und in einen Kanon des 21. Jahrhunderts gehört. Ich weiß nur, daß keine Schriftstellerin unserer Zeit die kollektive Imagination so beeinflußt hat wie J.K. Rowling. Heute weiß jedes Kind, was Muggles, Schlammblüter und Hauselfen sind. Daß der Zauberspruch "Expelliarmus!" den Gegner entwaffnet, während man mit "Riddikulus!" einen Irrwicht zu vertreiben vermag, indem man ihn der Lächerlichkeit aussetzt. Oder daß "Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung" eben nicht wie gewöhnliches Konfekt nach Schokolade, Vanille oder Erdbeeren schmecken, sondern wer Pech hat, auch nach Senf, Seife oder Erbrochenem schmeckende Bohnen aus der Packung zieht. Und wer hätte noch nicht Lust verspürt, einen "Heuler" zu schreiben, also eine magisch verstärkte Schimpfkanonade, die über dem Adressaten hereinbricht, sobald der per Eule zugestellte rote Umschlag ihn erreicht?

Rowlings Romane um Harry Potter sind ein Phänomen, ja mehr noch: ein literarisches Wunder. Denn diese sieben Bücher, veröffentlicht zwischen 1997, dem Erscheinungsjahr von "Harry Potter und der Stein der Weisen", und 2007, als "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" herauskam, haben unter Beweis gestellt, was viele Menschen damals nicht mehr glauben wollten oder konnten: dass das Medium Buch auch im 21. Jahrhundert noch die Macht besitzt, das Bewusstsein einer Gesellschaft zu prägen. Gerade viele Menschen aus dem Kulturbetrieb hatten um die Jahrtausendwende diesen alten Glauben an die Macht das Buches verloren und nahmen an, die Fähigkeit zu diesem noch von Autoren wie Franz Kafka, Albert Camus oder Samuel Beckett geleistetem Kunststück sei der Literatur inzwischen abhandengekommen. Und dann kam eine arbeitslose Alleinerziehende aus Großbritannien und bewies das Gegenteil.

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Aber warum waren die Potter-Romane denn nicht "nur" Kinder- und dann Jugendbücher? Gewiss, J.K. Rowling hat die einmalige Chance verschenkt, ihre Helden wirklich altern und mit dem Erwachsenwerden auch den Kosmos von Liebe und Sex erforschen zu lassen. Dafür hat der Tod von Beginn an eine ganz erstaunliche Präsenz in diesen Büchern. Wenn Harry Potter in den Spiegel "Nerhegeb" blickt, der nicht nur das Gesicht, sondern den Herzenswunsch des Betrachters zeigt, dann zeigt der Spiegel das Waisenkind Harry Potter umgeben von seinen toten Eltern und Großeltern. Eines der Leitmotive der Romanserie ist denn auch der Umgang mit Verlust, Trauer und Leid, bei deren Bewältigung Magie wenig nützt. Die Literatur J.K. Rowlings handelt hingegen sehr real von der Erfahrung von Schmerz und Tod. Sie ist mit derselben Tinte geschrieben, die in der für mich schönsten Szene der Potter-Romane die Entstehung von Literatur ins einprägsame Bild einer besonderen Strafarbeit bei der verhassten Lehrerin Dolores Umbridge fasst:

„Sie reichte ihm eine lange, dünne schwarze Feder mit ungewöhnlich scharfer Spitze. "Ich möchte, dass Sie schreiben: Ich soll keine Lügen erzählen", befahl sie leise. "Wie oft?", fragte Harry, glaubwürdig Höflichkeit heuchelnd. "Oh, so lange es dauert, bis die Botschaft sich einprägt", sagte Umbridge mit ihrer süßlichen Stimme. "Fangen Sie an." Sie ging hinüber zu ihrem Schreibtisch, setzte sich und beugte sich über einen Stapel Pergamente, offenbar Aufsätze, die es zu benoten galt. Harry hob die scharfe schwarze Feder, dann fiel ihm auf, was fehlte. "Sie haben mir keine Tinte gegeben", sagte er. "Oh, Sie werden keine Tinte brauchen", sagte Professor Umbridge mit dem leisen Anflug eines Lachens in der Stimme. Harry setzte die Federspitze auf das Papier und schrieb: Ich soll keine Lügen erzählen. Er keuchte auf vor Schmerz. Die Wörter waren auf dem Pergament erschienen, offenbar mit leuchtend roter Tinte geschrieben. Zugleich waren die Wörter auf dem Rücken von Harrys rechter Hand aufgetaucht, in seine Haut geschnitten, als hätte ein Skalpell sie dort eingeritzt. Noch während er auf die schimmernde Schnittwunde starrte, verheilte die Haut, und die Stelle mit der Schrift war nun leicht gerötet, aber wieder vollkommen glatt. Harry wandte sich zu Umbridge um. Sie beobachtete ihn, ihr breites Krötenmaul zu einem Lächeln verzerrt. "Ja?" "Nichts", sagte Harry leise. Er blickte wieder auf das Pergament, setzte die Feder von Neuem auf, schrieb Ich soll keine Lügen erzählen, und zum zweiten Mal spürte er den brennenden Schmerz auf seinem Handrücken; abermals waren die Wörter in seine Haut geritzt und abermals verheilte sie innerhalb von Sekunden. Und so ging es weiter. Wieder und wieder schrieb Harry die Wörter auf das Pergament, nicht mit Tinte, wie ihm bald klar wurde, sondern mit seinem eigenen Blut."

*
J.K. Rowling. Die Harry-Potter-Romane
Deutsch von Klaus Fritz, Carlsson Verlag, 15,99 €

Autor: Denis Scheck

Redaktion: Valentina Dobrosavljevic

Schecks Bücher: J.K. Rowling - Harry Potter (76/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 14.09.2018 | 06:26 Min.

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Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.