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Schecks Bücher: Ursula K. LeGuin - Freie Geister (23/100)

Buchcover von Ursula K. Le Guin: Freie Geister

Schecks Bücher: Ursula K. LeGuin - Freie Geister (23/100)

Als Freie Geister 1974 erschien wurde es sogleich ein Weltbestseller – es ist eine der bedeutendsten Utopien des 20. Jahrhunderts, in der die Systemfrage – Kommunismus, Kapitalismus oder Anarchismus – mit aller Deutlichkeit gestellt wird.

Milan Kundera bemerkte einmal gegenüber Philip Roth, große Romane schockierten, denn "Große Romane decken auf, was die Leute über ihr Leben nicht wissen und nicht hören wollen." In diesem Sinn ist Ursula K. Le Guins Roman "Freie Geister" auch über vierzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung unter dem Originaltitel The Dispossessed 1974 ein wahrhaft schockierender großer Roman.

Le Guin beschreibt darin in ferner Zukunft zwei Welten im Zusammenstoß: das anarchistische Utopia Anarres und seine kapitalistische Mutterwelt Urras. "Freie Geister" ist kein einfacher Roman. Er erschüttert nahezu sämtliche Grundüberzeugungen unserer momentanen politischen Verfasstheit. Er stellt in Frage, zieht in Zweifel, bestreitet und relativiert das Meiste, worauf sich die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2017 gründet: unsere Vorstellungen von Eigentum, Besitz und Gerechtigkeit, unser Rechts- und Wirtschaftssystem, unsere Vorstellungen über die Familie als Nukleus des Staates, die Art und Weise, wie Männer und Frauen zusammenleben und wie Kinder erzogen werden sollten – ganz zu schweigen von sämtlichen Transzendenzversprechungen unserer Religionen. Er verunsichert. Jedem Leser von "Freie Geister" wird es nach der Lektüre schwerer fallen, einer Rede des Bundespräsidenten reinen Herzens und hellen Sinnes zu applaudieren. Schlimmer noch, wie fast alle wirklich großen Romane, macht auch dieser vollkommen untauglich für ein Leben im Kapitalismus. "Es langweilte ihn unerträglich, als müsste er jemandem zuhören, der einen langen und albernen Traum schildert", So fasst die Hauptfigur, der Physiker Shevek, seinen Eindruck über dieses kapitalistische Wirtschaftssystem zusammen, nachdem er eine "Einführung in die Ökonomie" gelesen hat.

Ursula K. Le Guin gelingt in diesem Roman, packend über Politik und Physik zu erzählen, eine Geschichte auf zwei Planeten von Tau Ceti elf Lichtjahre von der Erde entfernt anzusiedeln, und doch ins Zentrum der irdischen Gegenwart zu gelangen, Alternativen zu entwickeln, ohne zu predigen. Ein Großteil des beträchtlichen Vergnügens, den Le Guins Roman bereitet, erwächst aus der respektlosen Radikalität, mit der sie ihren Mann vom Mond eine gesamte Gesellschaft durchmustern und uns Leser ebenfalls diesen Blick vom Mond einnehmen lässt: auf die anarchistische Welt von Anarres, auf die in drei Staaten geteilte Welt von Urras, nicht zuletzt auf die Geschichte der Erde selbst, soweit sie sich in den melancholischen Ausführungen der Botschafterin Terras erschließt. Doch Le Guins Geschichte von zwei Planeten ist nur passagenweise ein satirischer Roman – auch ihre Kunst in diesem Buch erwächst aus einem Imperativ, einem Müssen, in diesem Fall der Auseinandersetzung einer deutlich durch das Denken des Kalten Krieges, des Feminismus und des "Movement", also der amerikanischen Protestbewegung der 1960er Jahre geprägten Autorin mit "Konvention, Moralismus, Angst vor sozialer Ausgrenzung, Angst, anders zu sein, Angst vor Freiheit", wie Shevek es am Ende von „Freie Geister“ formuliert. "Da war eine Mauer", lautet der erste Satz dieses Romans. Allein dieser Beginn müsste genügen, um Le Guins Roman die Aufmerksamkeit deutscher Leser zu sichern. Mauern sind das zentrale Leitmotiv von "Freie Geister", eingeführt durch den Traum des jungen Shevek und konsequent variiert über die Themenfelder der Physik, der Geschlechter und Ideologien bis hin zur Überwindung der kommunikativen Mauern zwischen Anarres und Urras und den anderen Hain-Welten. Wir Deutschen verstehen eine Menge von Mauern. "Die ihre Mauern bauen, sind ihre eigenen Gefangenen" heißt es in "Freie Geister". Fast drei Jahrzehnte mussten Millionen von Menschen in diesem Land die Wahrheit dieses Satzes tagtäglich erleben.
Die Lust auf soziale Experimente mit "nicht-autoritärem Kommunismus", wie sie auf Anarres vorgelebt werden, ist heute, nach den blutigen Exzessen des schrecklichen zwanzigsten Jahrhunderts mit seinen Abermillionen auf den Altären der Ideologien geopferten Menschen, zu Recht auf einen historischen Tiefpunkt gesunken.

Aber wer Le Guins Ideenroman als Leitfaden für eine bevorstehende Revolution las, hat ihn vielleicht auch schon in den 1970er Jahren missverstanden – ebenso wie alle Interpretationen, die dieses Buch zur "Bibel" einer wie auch immer zu definierenden Gegenkultur machen wollen. Auch wenn Shevek auf Urras immer stärker messianische Züge annimmt, liest sich seine große Rede vor den Entrechteten auf dem Kapitolsplatz doch anders als eine bloß modernisierte Bergpredigt: "Unser Leiden vereint uns. Nicht Liebe. […] Wir wissen, es gibt keine Hilfe für uns, außer der, die wir einander leisten, keine Hand rettet uns, wenn wir nicht selbst die Hand reichen. Und die Hand, die ihr reicht, ist so leer wie meine. Ihr habt nichts. Ihr besitzt nichts. Euch gehört nichts. Ihr seid frei." Diese Sätze bilden in meinem Ohr ein Echo auf das existentialistische Credo des zwanzigsten Jahrhunderts, die berühmte Grabinschrift von Nikos Kazantzakis in Heraklion: "Ich hoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei." Auch die Lektüre von "Freie Geister" macht frei: frei von den Anweisungen einer Gedankenpolizei, die den politischen Geboten des Augenblicks den Platz von Natur­gesetzen zuweist, frei durch das verlockendste Versprechen der Literatur überhaupt: die Welt durch die Augen eines anderen wahrnehmen zu dürfen. "Freiheit ist niemals sicher", erfahre ich aus diesem Buch. Dasselbe trifft auf große Literatur zu.

*

Ursula K. LeGuin: Freie Geister/The Disposessed
Deutsch von Karen Fischer
Fischer Tor
14,99 €

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Die WDR 5 Reihe "Schecks Bücher" läuft wöchentlich, immer freitags, in der Sendung Neugier genügt.

Schecks Bücher: Ursula K. LeGuin - Freie Geister (23/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 01.09.2017 | 06:09 Min.

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Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.