Schecks Bücher: Thomas Mann - Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (54/100)

Buchcover von Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Schecks Bücher: Thomas Mann - Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (54/100)

Natürlich sind die "Buddenbrooks" bedeutender. Erst recht "Der Zauberberg". Und selbstverständlich auch der "Doktor Faustus". Aber eine verlässliche Aufhellung von Denis Schecks Gemüt gelingt nur dem Krull.

“Ich erwachte zum Beispiel eines Morgens mit dem Entschlusse, heute ein achtzehnjähriger Prinz namens Karl zu sein, und hielt an dieser Träumerei während des ganzen Tages, ja mehrere Tage lang fest; denn der unterschätzbare Vorzug solchen Spieles bestand darin, daß es in keinem Augenblick und nicht einmal während der so überaus lästigen Schulstunden unterbrochen zu werden brauchte. Gekleidet in eine gewisse liebenswürdige Hoheit, ging ich umher, hielt heitere und angerechte Zwiesprache mit einem Gouverneur oder Adjutanten, den ich mir einbildungsweise beigab, und niemand beschreibt den Stolz und das Glück, mit dem das Geheimnis meiner feinen und erlauchten Existenz mich erfüllte. Welch eine herrliche Gabe ist nicht die Phantasie, und welchen Genuß vermag sie zu gewähren!

Felix Krull und sein Schöpfer Thomas Mann haben als Jugendliche beide dieses "Prinzenspiel" gespielt und sich den Wonnen solcher längerer Gedankenspiele hingegeben. Im Grunde hat Thomas Mann zeit seines Lebens nie mit diesen Spielen aufgehört. Sein Roman über den so überzeugenden Schwindler Felix Krull mit dem gewinnenden Aussehen, seiner von ihm so schön als "Lärvchen" bezeichneten Schönheit, löst selbst Schwindel aus. Heisa koppheister saust er durch alle Gesellschaftsschichten, lässt uns teilhaben an Abstieg und Aufstieg unseres Titelhelden, am Schulversagen und an der gesellschaftlichen Ächtung als Sohn eines Bankrotteurs in einem kleinen Städtchen im Rheingau und an der Mühsal, nach dem Selbstmord des Vaters eine Pension in Frankfurt am Main aufzubauen. Dann geht es holterdipolter in die Welt eines Grandhotels in Paris, in die muffigen Gesindestuben unterm Dach und als gefälliger Callboy unter die Seidenlaken der Luxussuiten, um uns schließlich, Felix Krull hat die Identität mit dem Luxemburger Marquis de Venosa gewechselt, nach Lissabon in die Familie des Direktors des Naturkundemuseums Prof. Kuckuck und zu einer Audienz beim portugiesischen König zu führen. Es sollte das Pendant zu seinem Fürstenroman "Königliche Hoheit" von 1909 werden. Ein Jahr darauf begann Thomas Mann die Memoiren des Hochstaplers. Doch dann kam immer wieder etwas anderes dazwischen. So liegt der große Reiz der "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" nicht zuletzt darin, dass dieses Buch eine Klammer um Thomas Manns Werk bildet: über 40 Jahre wird es dauern, bis er die Arbeit daran wieder aufnimmt und ein 80jähriger das fortschreibt, was ein Mann Mitte dreißig konzeptioniert hat.

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Wie halten Sie's mit Thomas Mann? Lange war diese Frage der Prüfstein für Literaturbegeisterte im 20. Jahrhundert. Heute werden nur die tumbsten und ideologieblindesten Leser Thomas Mann jenen Rang bestreiten, den er für sich erträumt, ersehnt und gegen alle Hindernisse erarbeitet hat: die legitime Nachfolge Goethes im 20. Jahrhundert. Warum aber begeistert mich dieser im Oeuvre Thomas Manns in jeder Hinsicht kleine Roman mehr als die drei Meisterwerke, die den unsterblichen Ruhm Thomas Manns begründen? Natürlich sind die "Buddenbrooks" als Abgesang auf das Großbürgertum bedeutender. Erst recht "Der Zauberberg" als Kartographie des europäischen Bewusstseins vor dem Ersten Weltkrieg. Und selbstverständlich auch der "Doktor Faustus" als Blick auf die Schrecknisse der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert aus Perspektive eines Künstlers, der um jeden Preis kreativ sein will. Aber bringt mir die Geschichte vom Untergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie verlorene Lebensfreude zurück? Lässt mich das ewige Türenschlagen von Madame Chauchat im "Zauberberg" verlässlich lachen? Wärmt mir die Geschichte von Adrian Leverkühns Verzicht auf Liebe im Tausch für 24 Jahre Kreativität das Gemüt? Nein, so sehr ich diese Romane liebe, eine verlässliche Aufhellung meiner Gestimmtheit, ein Literaturdoping par excellence gelingt nur dem Krull mit seiner Sehnsucht nach "der großen Freude", hinter der sich eben nicht nur Sex, sondern ein pantheistisches Glücksgefühl verbirgt. Es ist ein Einverständnis mit der Welt im Wissen, das diese betrogen werden will. Diese Einsicht teilen Künstler und Hochstapler: die gesellschaftlichen Zustände sind veränderbar, sagt uns dieser Roman. Dein Platz in der Gesellschaft steht nicht fest. Du kannst dich frei machen von allen Zuschreibungen. Du kannst zum Autor deiner eigenen Geschichte, deines eignen Schicksals werden. Unter allen Romanen Thomas Manns wirkt der Krull bei jeder neuen Lektüre wie eine exzellente Flasche Champagner. Und niemand wird diesen Roman verlassen, ohne mit Schaudern an die "Loreley extra cuvée" zu denken, jene unsägliche Plörre, die Krulls Vater im Rheingau produziert.

"Krull", mochte mein Pate Schimmelpreester wohl zu meinem Vater sagen, "Ihre Person in Ehren, aber Ihren Champagner sollte die Polizei verbieten. Vor acht Tagen habe ich mich verleiten lassen, eine halbe Flasche davon zu trinken, und noch heute hat sich meine Natur nicht von diesem Angriff erholt. Was für Krätzer verstechen Sie eigentlich zu diesem Gebräu? Ist es Petroleum oder Fusel, was Sie bei der Dosierung zusetzen? Kurzum, das ist Giftmischerei. Fürchten Sie die Gesetze!"

Und niemand wird die "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" zuschlagen ohne Lust daran zu verspüren, sich von seiner Furcht vor dem Gesetz weniger ins Bockshorn jagen zu lassen. Corriger la fortune, dem Glück etwas nachhelfen – ist das nicht ein anderer Begriff für Literatur?

Thomas Mann "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" Hrsg. Von Thomas Sprecher, Monica Bussmann und Eckhard Heftrich S. Fischer, 904 S., 46 €

Redaktion: Valentina Dobrosavljevic

Schecks Bücher: Thomas Mann - Felix Krull (54/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 13.04.2018 | 05:47 Min.

Download

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.