Schecks Bücher: Evelyn Waugh - Wiedersehen mit Brideshead (80/100)

Buchcover von Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead

Schecks Bücher: Evelyn Waugh - Wiedersehen mit Brideshead (80/100)

Auf dem idyllischen Landsitz Brideshead in England taucht der Leser in die spleenige Welt der Reichen und Schönen der 1920er Jahre ein. Und von der Hauptperson Charles Ryder lernt er, wie man ein perfekter Snob wird.

Ein Lord kotzt durchs Fenster. So drastisch beginnt eine der wunderbarsten Männerfreundschaften in der Geschichte der Literatur. Sebastian Flyte heißt der englische Adlige, der sich in Oxford nie ohne seinen Teddybär blicken lässt und dem das Malheur widerfährt, sich durchs Fenster der Parterrewohnung seines Kommilitonen Charles Ryder zu übergeben:

"Ich kannte Sebastian vom Sehen, schon lange, bevor ich ihm zum ersten Mal richtig begegnete. Das war nicht weiter verwunderlich, denn von Beginn an war er der auffälligste Mann seines Jahrgangs, einmal weil er so atemberaubend gut aussah, zum anderen weil er sich so exzentrisch benahm, als gäbe es für ihn keine Grenzen. Zum ersten Mal fiel er mir auf, als wir in der Tür von Germer’s aneinander vorbeigingen, und bei dieser Gelegenheit beeindruckte mich weniger sein Äußeres als die Tatsache, dass er einen großen Teddybär bei sich hatte. »Das«, so erklärte der Barbier, nachdem ich auf seinem Stuhl Platz genommen hatte, »war Lord Sebastian Flyte. Ein höchst amüsanter junger Mann.« »Scheint so«, gab ich kühl zurück. »Der zweite Sohn des Marquis von Marchmain. Sein Bruder, der Earl of Brideshead, hat letztes Trimester seinen Abschluss gemacht. Aber der war vollkommen anders, ein sehr ruhiger Herr, fast wie ein alter Mann. Was glauben Sie wohl, was Lord Sebastian hier wollte? Eine Haarbürste für seinen Teddybär, mit besonders harten Borsten, nicht etwa, um ihm das Fell zu bürsten, sagte Lord Sebastian, sondern um ihm Prügel anzudrohen, wenn er bockig ist. Er hat eine sehr schöne gekauft, mit einem Griff aus Elfenbein, in den er ›Aloysius‹ eingravieren lassen will – so heißt der Bär."

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Aus diesem Buch lässt sich vieles lernen - nicht nur, wie man ein perfekter Snob wird. Auch, wie man den Untergang eines Weltreichs beschreibt und das langsame Verdämmern einer Gesellschaftsschicht, die über tausend Jahre lang die Macht in den Händen hielt. Vor allem, wie man mit der Erfahrung von Verlust zurechtkommt, von zerbrochenen Freundschaften, erloschener Liebe, verlorenem Glauben und verblühter Jugend – mit anderen Worten also mit dem Leben als Erwachsener. Der Erzähler Charles Ryder verliebt sich als Student in Oxford in Sebastian und auf dem idyllischen Landsitz Brideshead in dessen androgyne Schwester Julia, aber fast mehr noch verliebt sich Charles in den Lebensstil und die Weltanschauung dieser spleenigen katholischen Adligen, die zwar wissen, dass eine Flasche Château Peyraguey und Erdbeeren eine perfekte Kombination zum Picknick ergeben, nicht aber, wer als Partner zu ihnen passt. Ja wo ihr Platz in einer Zeit und in einer Gesellschaft sein könnte, die ihrer nicht mehr bedürfen. "Wiedersehen mit Brideshead" ist mitten im Zweiten Weltkrieg entstanden und hält aus der Perspektive der 40er Jahre Rückschau auf die 20er Jahre, den Untergang einer Welt von gestern, ja auf die Vertreibung aus dem Paradies.

Evelyn Waugh war nicht konservativ, Evelyn Waugh war reaktionär. Auf die Idee, wählen zu gehen, ist er nie gekommen, fand aber besonders schöne Worte, um seine politische Abstinenz zu begründen:

"I do not aspire to advise my sovereign in her choice of servants."

Nein, seiner Königin bei der Auswahl ihrer Dienstboten wollte er nicht behilflich sein. Dennoch hielt Waugh mit seinen Ansichten nie hinter dem Berg: die Tories waren ihm zu "bolschewistisch", Sport, Demokratie und Medien waren ihm ein Gräuel, ja er verachtete alles Moderne und Neumodische wie das Radio, Telefon, Unterhaltungsmusik, Fernsehen und Autos. Einen solchen Mann muss man einfach lieben. Natürlich sind seine politischen Ansichten absoluter Quatsch und entspringen weniger Waughs wirklichen Überzeugungen als seinem lebenslangen Horror vor Mitläufertum und Langeweile.

"Ein Künstler muss reaktionär sein. Er muss sich vom allgemeinen Tenor seiner Zeit abheben, statt im Strom mitzuschwimmen. Er muss ein wenig Widerstand leisten."

Solche Querulanten der Weltliteratur sind der Wetzstahl, an dem sich die Klinge des eigenen Verstandes schärfen lässt. Kann man Nostalgie empfinden nach einer Zeit, die man nie erlebt hat? Offenbar schon, denn Waughs "Wiedersehen mit Brideshead" ist zum uneingeholten Vorbild ungezählter Herrenhausromane, -filme und fernsehserien bis hin zu "Downton Abbey" geworden.

*

Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead
Deutsch von Pociao
Diogenes Verlag, 540 S. 26 €

Schecks Bücher: E. Waugh - Wiedersehen mit Brideshead (80/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 12.10.2018 | 04:46 Min.

Download

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.