Schecks Bücher: Dorothy L. Sayers - Mord braucht Reklame (63/100)

Buchcover von Dorothy L. Sayers: Mord braucht Reklame

Schecks Bücher: Dorothy L. Sayers - Mord braucht Reklame (63/100)

Ihr Werk war zum Zeitpunkt ihres Todes weitgehend in Vergessenheit geraten. Wiederentdeckt wurde es im Rahmen der Frauenbewegung der späten 1960er Jahre. Dabei gilt Dorothy L. Sayers als eine der herausragenden "British Crime Ladies".

Dass von einer der erfolg- und einflussreichsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts im Jahr ihres 125. Geburtstags gerade noch einmal zwei, drei Taschenbüchlein im deutschen Buchhandel lieferbar sind, ist ein Skandal. Dorothy L. Sayers zu vergessen, grenzt nicht bloß an kulturelle Barbarei. Dorothy L. Sayers zu vergessen ist literarischer Masochismus, denn man betrügt sich um eine der vergnüglichsten Lektüreerfahrungen überhaupt.

Niemand hat sich in der Literatur des 20. Jahrhunderts radikaler neu erfunden als Dorothy L. Sayers – und das gleich dreimal. Die 1893 geborene Tochter eines anglikanischen Geistlichen begann in den 20er Jahren Kriminalromane zu schreiben aus einem einzigen Grund: um Geld zu verdienen. Als sie Mitte der 30er Jahre genug davon beisammen hatte, wandte sie auf dem Höhepunkt des öffentlichen Erfolgs ihre literarischen Interessen religiösen Versdramen und Essays zu, von denen einige niemand geringeres als Karl Barth ins Deutsche übertrug, um sich am Ende ihres Lebens ganz in eine bis heute in der Klassikerreihe von Penguin Books populäre Übersetzung von Dantes „Göttlicher Komödie“ zu vertiefen.

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Dorothy L. Sayers hat immer polarisiert. Schon Sayers Zeitgenossen erschien ihr aristokratischer Seriendetektiv Lord Peter Death Bredon Wimsey irgendwie aus der Zeit gefallen: ein reaktionärer Snob, ein seinen Launen und Spleens lebender Nichtsnutz, mit einem Wort – eine Beleidigung aller für ihr täglich Brot hart schuftender Werktätigen. Sayers-Bewunderer sahen in Wimsey dagegen immer die Verkörperung vollkommener Freiheit unter den Bedingungen des Kapitalismus, denn wie lautet das wunderbare, allen Versuchen von Fremdbestimmung widersprechende Motto auf seinem Wappen?

"As my Whimsy takes me", wohin mich meine Launen und Grillen auch führen mögen. Mit solchen Leuten ist kein Staat zu machen – aber als Krimihelden taugen Typen wie Lord Peter Wimsey ideal. Denn bei allem Widerwillen, den ein elitärer Adliger, zu allem Unglück auch noch ein fabelhafter Sportler und ein talentierter Pianist, der in der Badewanne Bach-Choräle singt und in seiner Freizeit nichts lieber macht, als Auktionskataloge zu durchforsten, um die Lücken in seiner Inkunabeln-Sammlung zu schließen, in egalitaristisch orientierten Milieus auszulösen vermag: Wimsey hat das Herz auf dem rechten Fleck.

Glatt übersehen wurde von den Sayers-Verächtern zudem, dass hier eine hart um ihren Lebensunterhalt kämpfende Frau für sich – und ihre Leser – eine eskapistische Fantasie ersonnen hat, indem sie eine Figur erschuf, die all das besaß, was ihr nicht zur Verfügung stand: eine luxuriöse Wohnung mit der standesgemäßen Adresse Picadilly 1A, einen schnittigen Zwölfzylinder Daimler, ein bedingungsloses Grundeinkommen in atemberaubender Höhe, einen Butler namens Bunter, der auch noch ein echter Freund ist und den mit seinem Arbeitgeber verbindet, den Horror des Grabenkriegs im Ersten Weltkrieg überlebt zu haben, ein Horror, der Wimsey periodisch heimsucht und zu einem psychischen Wrack macht, seine Lindenblattstelle.

Nicht zuletzt durfte Sayers Geschöpf Lord Peter das erleben, was Dorothy Sayers verwehrt blieb: die glückliche Heirat mit der Liebe seines Lebens, der Krimiautorin Harriet Vane. Literatur als Rache am Leben: Ich kenne kein besseres Beispiel dafür als Dorothy Sayers hellsichtigen Roman "Morder Must Advertise" – "Mord braucht Reklame", so der Titel der wortgewaltigen und erfindungsreichen Neuübersetzung von Otto Bayer, die absurderweise schon wieder so gut wie vom Markt verschwunden ist. Sayers fronte Anfang der 20er Jahre selbst in einer Londoner Werbeagentur. In "Mord braucht Reklame" lässt sie Lord Peter in "Pyms Werbedienst" ermitteln, Slogans für Margarine aushirnen, vor allem aber einen Mordfall lösen und nebenbei eine große Werbeaktion für eine Zigarettenmarke ersinnen: die Whifflets-Kampagne. Als Wimsey am Ende des Romans aus der Werbeagentur auf die Straße tritt, sieht er einen Arbeiter ein Plakat ankleben, auf dem sein eigener Spruch steht:

"SIND SIE EIN WHIFFLER? WENN NICHT, WARUM NICHT?"

Dann sieht er einen Omnibus, der die ebenfalls von ihm ausgedachte Werbeaufschrift trägt:

"WIR WHIFFELN DURCH DAS GANZE LAND!"

Und dann endet dieser ursprünglich 1933 erschienene Krimi von Dorothy Sayers mit folgenden Sätzen, die mir auf dem Erkenntnisniveau und auf der stilistischen Gestaltungsfähigkeit von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" zu stehen scheinen:

"Sagt es England. Sagt es der Welt. Eßt mehr Haferflocken. Gebt acht auf euren Teint. Nie wieder Krieg. Putz deine Schuhe mit Schuhglanz. Fragen Sie Ihren Händler. Kinder lieben Laxamalt. Sei bereit, deinem Gott zu begegnen. Bungs Bier ist besser. Kosten Sie Dogsbodys Würstchen. Ein Husch, und der Staub ist weg. Gebt ihnen Crunchlets. Snagsburys Suppen – das Beste für die Truppen. Morning Star – da sieht man klar. Ihre Stimme für Punkin, damit Ihnen von Ihrem Geld noch was bleibt. Kampf dem Schnupfen mit Snuffo. Spülen Sie Ihre Nieren mit Fizzlets. Reinigen Sie Ihren Ausguß mit Sanfect. Wolle ist der Haut sympathisch. Popps Pillen geben Schwung. Whiffeln Sie sich ins Glück. Wirb oder stirb."

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Dorothy Sayers: "Mord braucht Reklame"
Deutsch von Otto Bayer
Rowohlt, 332 S., antiquarisch

Schecks Bücher: Dorothy L. Sayers - Mord braucht Reklame (63/100

WDR 5 Schecks Bücher | 15.06.2018 | 06:01 Min.

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Redaktion: Valentina Dobrosavljevic

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.