Schecks Bücher: Clarice Lispector - Der große Augenblick (29/100)

Buchcover von Clarice Lispector: Der große Augenblick

Schecks Bücher: Clarice Lispector - Der große Augenblick (29/100)

Was ist die Realität hinter der Fassade des Alltags? Eine zentrale Frage im Werk von Clarice Lispector. Die brasilianische Autorin wurde von der New York Times mal als Franz Kafka der lateinamerikanischen Literatur beschrieben. Neugierig?

Man legt dieses Buch aus der Hand und protestiert. Das darf doch nicht wahr sein!, denkt man sich. Jetzt hört sich doch alles auf! So kann es doch nicht unwidersprochen zugehen auf der Welt! Clarice Lispectors großer kleiner Roman "A hora da Estrela" von 1977 ist ein Abgesang auf ein jung verlöschtes, freud- und freundloses Frauenleben. Dass dieses in einfachen, vibrierenden Sätzen erzählte Buch solche Reaktionen auszulösen vermag, liegt an einem genialen Kunstgriff der 1920 in der Ukraine geborenen und schon als wenige Wochen altes Baby mit ihren Eltern nach Brasilien ausgewanderten Autorin. Unsere Hauptfigur Macabéa ist ein junges Mädchen, das aus dem dünn besiedelten Sertao, der Provinz im Nordosten Brasiliens, in die Metropole Rio de Janeiro kommt und dort als Sekretärin arbeitet. Völlig passiv nimmt Macabéa alles hin, was man ihr zufügt, lebt zusammen mit vier anderen Frauen in einem winzigen Zimmerchen mitten im Prostituiertenviertel, ernährt sich ausschließlich von Hotdogs, lässt sich von ihrem Geliebten erniedrigen, ja nimmt sogar ohne Protest hin, dass ihr eine Kollegin diesen Geliebten schließlich ausspannt. Doch nicht die 19jährige Macabéa erzählt uns von ihrem Aufwachsen als Vollwaise bei einer Tante im Sertao und von ihrem freudlosen Alltag in Rio, sondern ein Mann namens Rodrigo S. M. Und dieser Mann ist ein amoralisches Schwein.

"Die Geschichte – bestimme ich in falscher Willensfreiheit – wird etwa sieben Figuren haben, und ich bin eine der wichtigsten davon, was sonst."

Der Anlass für Rodrigo, von Macabéa zu erzählen, ist denkbar trivial:

"In einer Straße von Rio de Janeiro sah ich aus dem Augenwinkel das Gefühl des Verlorenseins im Gesicht einer jungen Frau aus dem Nordosten."

Dieses Gefühl des Verlorenseins täuscht Macabéa nicht. Ist es schon schwer aushaltbar, dass die Hauptfigur dieses Romans alles mit sich machen lässt, jeden Knuff und jeden Schlag, jeden Nackenhieb und Schienbeintritt, den ihr das Leben verpasst, klaglos und ohne Aufzumucken einsteckt, so wird Macabéas Lethargie vollkommen unerträglich dadurch, dass Clarice Lispector einen männlichen Erzähler wählt, der all die Unsäglichkeiten, denen Macabéa ausgesetzt ist, mit größtmöglicher desinvolture, ja Niedertracht und Häme berichtet. Doch beginnen wir beim Anfang, beginnen wir mit Kapitel 1:

"Alles auf der Welt begann mit einem Ja. Ein Molekül sagte Ja zu einem anderen Molekül, und so entstand das Leben. Doch vor der Vorgeschichte gab es die Vorgeschichte der Vorgeschichte und gab es das Nie und gab es das Ja. Das war schon immer. Ich weiß weiter nichts, aber ich weiß, das Universum hat nie begonnen. Man gebe sich keiner Täuschung hin, zur Einfachheit gelange ich nur durch schwere Arbeit. Solange ich Fragen habe und keine Antwort, so lange schreibe ich weiter. Wie beim Anfang beginnen, wenn die Dinge geschehen, bevor sie geschehen? Wenn es schon vor der Vorvorgeschichte die Monster der Apokalypse gab und ihre Reiter? Wenn diese Geschichte nicht existiert, dann wird sie existieren. Denken ist ein Akt. Fühlen ist ein Fakt. Beides zusammen – bin ich, der ich schreibe, was ich in diesem Moment schreibe."

Macabéa ist ein Durchschnittsmensch, arm und dumm, weder besonders hübsch noch in irgendeiner Weise talentiert, nicht gescheit, nicht tapfer, nicht geschickt, noch nicht mal mit jenen Instinkten und Fertigkeiten der street smartness versehen, die man im harten brasilianischen Alltag zum Überleben eigentlich braucht. Wenn Sie einen roten Lippenstift ausprobiert, sieht sie nicht aus wie die angehimmelte Marilyn Monroe, sondern wie eine Hafennutte. Aus ihrem Lieblingssender Radio Relógio, der hauptsächlich Zeitansagen und Coca-Cola-Werbespots bringt, hat sie absurde Wissensbröckchen abgespeichert, etwa dass eine Fliege in 28 Tagen die Welt umrunden könnte, wenn sie geradeaus flöge, oder dass Kaiser Karl der Große eigentlich Carolus hieß. Kein Wunder, dass in diesem Wirrkopf kein Platz ist für Geschichte, Politik oder auch nur für einen Plan, etwas aus dem eigenen Leben zu machen. Seit sie einmal Katzenbraten gegessen hatte, erfahren wir von Macabéa, sei ihr der Schreck für alle Zeiten in die Knochen gefahren:

"Ihr Appetit war weg, nur der große Hunger blieb."

Von diesem großen Lebenshunger erzählt Clarice Lispector in einfachen und direkten, doch glühend intensiven Sätzen. Leicht lässt sich das kurze glücklose Leben Macabéas als Opfer der strukturellen Gewalt einer kapitalistischen Gesellschaft sehen. Man hat sie als moderne Heilige oder Märtyrerin auf dem Altar einer Männerwelt interpretiert. Erschreckender aber erscheint mir eine existentialistische Lesart, die Macabéas Tod in einer nicht von sich aus sinnhaften Welt ohne ideologischen Überbau als absurdes Ende eines absurden Daseins versteht. Der Originaltitel, "A hora da Estrela", die Sternstunde, verweist übrigens darauf, dass das Auto, das Macabéa überfährt, ein Mercedes ist. Der Roman endet wie er beginnt: mit einem Ja.

"War das Ende großsprecherisch genug für eure Bedürfnisse? Im Sterben wurde sie zu Luft. Luft als Energie? Ich weiß es nicht. Sie starb in einem Moment. Der Moment ist die Zeitspanne, in der der Reifen des Wagens, der mit hoher Geschwindigkeit dahinrollt, den Boden berührt und dann nicht mehr berührt und dann wieder berührt. Usw. Usw. Usw. Im Grunde war sie nicht mehr als eine leicht verstimmte Spieldose. Ich frage euch: "Was ist das Gewicht des Lichts?" Und jetzt – jetzt bleibt mir nur, eine Zigarette anzuzünden und nach Hause zu gehen. Mein Gott, erst jetzt fällt mir ein, dass wir sterben. Aber – aber ich auch?! Nicht vergessen, erst mal ist Erdbeerzeit. Ja."

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Clarice Lispector: "Der große Augenblick", Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby. Schöffling & Co., 125 S., 18.95 €.

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.

Schecks Bücher: Clarice Lispector - Der große Augenblick (29/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 13.10.2017 | 06:45 Min.

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