Schecks Bücher: Chinua Achebe - Alles zerfällt (71/100)

Buchcover von Chinua Achebe: Alles zerfällt

Schecks Bücher: Chinua Achebe - Alles zerfällt (71/100)

Mit Chinua Achebes Roman "Alles zerfällt" beginnt die postkoloniale Literatur Afrikas. Er will die Vorurteile aus 300 Jahren Kolonialgeschichte korrigieren – den Knick in der Optik heilen, mit denen Afrika und seine Bewohner bislang gesehen wurden.

Lange blieb mir die Literatur Afrikas ein Buch mit sieben Siegeln. Hatte der amerikanische Literaturnobelpreisträger Saul Bellow nicht recht, als er vor 25 Jahren einen Skandal in der furchtbar selbstgerechten amerikanischen Presse auslöste mit einer polemischen Formulierung in einem Interview, wonach Papua noch keinen Proust hervorgebracht habe und die Zulus keinen Tolstoi? Bellow hat vieles auf den Punkt gebracht; mit dieser Bemerkung aber stellte sich der studierte Anthropologe dümmer, als er hätte sein können und dürfen. Denn Chinua Achebes Roman "Alles zerfällt" war 1958 erschienen und binnen weniger Jahre zur Weltsensation mit Übersetzungen in Dutzenden von Sprachen und einer in die Millionen gehenden Gesamtauflage geworden.

Mit "Alles zerfällt" beginnt die postkoloniale Literatur Afrikas. Geschrieben hat diesen Roman ein damals 28-jähriger Nigerianer zwei Jahre vor der Unabhängigkeit seines Landes. Die Zeit: um 1890. Der Ort: die "neun Dörfer" im Siedlungsgebiet der Igbos am Unterlauf des Nigers. Unsere Hauptfigur Okonkwo, ein klassischer Selfmademan, härter, schlauer und kräftiger als die anderen, insbesondere härter, schlauer und kräftiger als sein nichtsnutziger und fauler Vater, von dem sich Okonkwo um jeden Preis abgrenzen möchte.

Es ist eine Geschichte übers Geschichtenerzählen – und über die Macht des Geschichtenerzählens. Denn eines weiß Chinua Achebe ganz genau: Nicht nur Geschichte wird von Siegern geschrieben, diese Sieger erzählen am Ende auch die Geschichten. Sein Roman ist ein Versuch einer Gegengeschichte. Dieser Roman will all die Zuschreibungen abstreifen, die über Afrika und seine Bewohner in Umlauf sind, die Vorurteile korrigieren, die 300 Jahre Kolonialgeschichte produziert haben, den Knick in der Optik heilen, mit denen Afrika bislang von außen gesehen wurde. Wie kann so etwas gelingen? Indem Chinua Achebe die Geschichte aus der Perspektive der Unterlegenen, Versklavten, Kolonisierten und ins Unrecht Gesetzten erzählt. Und die Ehrlichkeit besitzt, diese selbst als gewalttätige, von Launen, Vorurteilen und Aberglauben gelenkte Menschen zu portraitieren.

"Wir alle kennen die Geschichten von weißen Männern, die mächtige Feuerwaffen schufen und starke Getränke brauten und Sklaven über die Wasser brachten, aber niemand hielt die Geschichten für wahr."
'Es gibt keine Geschichte, die nicht wahr ist', sagte Uchendu. 'Die Welt hat kein Ende, und was bei dem einen Volk als gut gilt, betrachtet ein anderes als Frevel. Unter uns gibt es Albinos. Meint ihr nicht, dass sie aus Versehen in unseren Klan geraten sind, dass sie sich aus einem Land hierher verirrt haben, wo alle so sind wie sie?'"

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Es gibt keine Geschichten, die nicht wahr sind. Diese Einsicht unterstreicht Chinua Achebes Roman in zweierlei Hinsicht. Zum einen, indem er die Geschichte Okonkwos erzählt, der es durch Mut, Selbstdisziplin und Beharren auf den alten Klantraditionen zu drei Frauen, zahlreichen Kindern und beachtlichem Wohlstand gebracht hat. Zum anderen, indem Achebe das Schatzhaus der Sagen, Märchen und Legenden der Igbos plündert und den wunderbaren Reichtum der lokalen englischen Idiome. Wir lesen vom listenreichen Schildkrötenmann, der unbedingt am Fest der Vögel im Himmel teilnehmen will, und vom heiligen Königspython, von den neun Klan-Gottheiten und von der nur von Männern kultivierten Yams-Wurzel, deren allüberragende Bedeutung uns Leserinnen und Leser in diesem Roman bald so selbstverständlich wird wie die Kartoffel Irlands oder die Baumwolle in den amerikanischen Südstaaten. Lebensweisheiten, Sprichwörter und Legenden bestimmen die Erzählsprache dieses Romans:

"Ein Kind kann die Milch seiner Mutter nicht bezahlen."
"Wenn du am hellichten Tag eine Kröte springen siehst, dann weißt du, dass ihr etwas nach dem Leben trachtet."
"Der Vogel Enneke wurde gefragt, weshalb er stets im vollen Fluge unterwegs sei, und seine Antwort lautete: 'Die Menschen haben gelernt zu schießen, ohne ihr Ziel zu verfehlen: Ich habe gelernt, zu fliegen, ohne mich je niederzulassen.'"

Okwonkwos Glück zerbricht, als sein Gewehr explodiert und er versehentlich ein Klanmitglied tötet. Sieben Jahre muß Okonkwo mit den Seinen ins Land seiner Mutter ziehen. Als er zurückkehrt, sind die weißen Missionare in sein Dorf gekommen, und alles, was sein bisheriges Weltbild determiniert hat, wird von der neuen Ordnung nach und nach unterspült:

"Versteht der weiße Mann unsere Landessitten?"
"Wie sollte er das, wenn er nicht einmal unsere Sprache spricht? Aber er sagt, unsere Sitten seien schlecht, und die eigenen Brüder, die seinen Glauben angenommen haben, sagen ebenfalls dass unsere Sitten schlecht seien. Wie sollen wir kämpfen, wenn unsere eigenen Brüder sich gegen uns gewandt haben? Der weiße Mann ist listenreich. Er kam ruhig und in Frieden mit seinem Glauben. Wir haben über seine Dummheit gelacht und ihm gestattet, zu bleiben. Jetzt hat er unsere Brüder für sich gewonnen, und der Klan kann nicht mehr geschlossen handeln. Er hat ein Messer auf die Dinge gelegt, die uns zusammenhielten, und wir sind zerfallen."

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Chinua Achebe
"Alles zerfällt"
Deutsch von Du Strätling, S. Fischer,  236 S. 9,99 €

Schecks Bücher: Chinua Achebe (71/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 10.08.2018 | 05:46 Min.

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Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.