Live hören
Jetzt läuft: Mariana Trench von Kenmochi Hidefumi
17.45 - 18.00 Uhr Politikum - Das Meinungsmagazin
Rebecca Link im Porträt

Schecks Bücher: Bertolt Brecht – Legende von der Entstehung des Buches Taoteking (93/100)

Buchcover von Bertolt Brecht: Gedichte

Schecks Bücher: Bertolt Brecht – Legende von der Entstehung des Buches Taoteking (93/100)

Bertolt Brecht schrieb dieses Gedicht 1938 im dänischen Exil. Ein Trostgedicht und eine Ermahnung, ein Appell zur Stärkung der Moral in schwieriger Zeit.

Angeblich hat er gar nicht gut gerochen. Weil er sich ungern gewaschen hat. Aber heute ist jedenfalls der Hautgout von Demagogie, Indoktrination und Propaganda, den Bertolt Brecht lange umgab, so gut wie verflogen, seine Einäugigkeit hat sich in Hellsicht verwandelt und der Dichter Bertolt Brecht riecht ausnehmend gut, ja er duftet sogar fast: ein engagierter Autor, einer, der Position bezieht, Haltung zeigt, Widerstand leistet – was will man mehr?           

Es ist Mode geworden, den Liebeslyriker Brecht zu loben. Das kann ich reinen Herzens nicht tun. Seine Ratschläge, beim Vögeln von Engeln darauf zu achten, ihnen nicht die Flügel zu knicken, seine Beteuerungen, sich nicht mehr an das Gesicht der Frau, mit der er schlief, zu erinnern, wohl aber an die Form einer Wolke am Himmel, sind mir immer eine Spur zu krachledern und großsprecherisch erschienen, zu aufgemandelt grob und zu machomäßig. Ich mag den reflektierten politischen Dichter Brecht, den Brecht von "An die Nachgeborenen" und der "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration".

1
Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.
2
Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er immer abends rauchte
Und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.
3
Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
Kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Bertolt Brecht schrieb dieses Gedicht 1938 in Dänemark, als er selbst von den Nazis längst in die Emigration gezwungen worden war. Angeblich hatte er aus Berlin ein chinesisches Rollbild mitgenommen, das den Laotse im Gebirge auf einem Ochsen reitend darstellte. Es ist ein Trostgedicht und eine Ermahnung, ein Appell zur Stärkung der Moral in schwieriger Zeit. Seine volkstümliche Form, die Effekte seiner scheinbar so einfachen Sprache sind genau kalkuliert und brillant eingesetzt, der Fluss der fünf- und vierhebigen Trochäen wird nur an wenigen Stellen von einem Daktylus gebrochen – eben in dem Vers, der die Weisheitslehre des Laotse, wonach auf die Dauer steter Tropfen jeden Stein höhlt, berichtet:

4
Doch am vierten Tag im Felsgesteine
Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
"Kostbarkeiten zu verzollen?" – "Keine."
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach:
"Er hat gelehrt." Und so war auch das erklärt.
5
Doch der Mann in einer heitren Regung
Fragte noch: "Hat er was rausgekriegt?"
Sprach der Knabe: "Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt."

Das Harte unterliegt … Hannah Arendt schreibt in ihrem Buch "Menschen in finsteren Zeiten" in eindringlichen Worten von dem enormen Nachhall, den dieses Gedicht Anfang der 40er Jahre unter den Deutschen im Exil in Frankreich auslöste, die von der Vichy-Regierung interniert worden waren:

"Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gedicht in den Lagern, wurde von Mund zu Mund gereicht wie eine frohe Botschaft, die, weiß Gott, nirgends dringender benötigt wurde als auf diesen Strohsäcken der Hoffnungslosigkeit."

Dass das Weiche das Harte bricht, ist eine Nachricht dazu angetan, den Mächtigen bis auf den heutigen Tag den Schlaf zu rauben. Aber tröstet sie die Ohnmächtigen? Wird heute Abend irgendwer in einem der zahllosen chinesischen Straflager zu Bett gehen und sich mit der Weisheit des Laotse in den Schlaf murmeln? Ich zweifle. Nicht aber an der Weisheit der Schlussverse, in dem Bertolt Brecht des neugierigen Zöllners gedenkt, der Laotse Obdach gewährte und ihm durch seine Fragen, worin genau denn nun die Einsichten des berühmten Lehrers bestünden, zur Niederschrift des Buchs Taoteking drängte.

13
Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.

*

Bertold Brecht: "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration" in "Die Gedichte"
Suhrkamp, 1646 Seiten, 22 Euro

Schecks: Bertolt Brecht - Legende von der Entstehung des Buches Taoteking (93/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 11.01.2019 | 04:55 Min.

Download

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.