Schecks Bücher: Ingeborg Bachmann - Malina (50/100)

Buchcover von Ingeborg Bachmann: Malina

Schecks Bücher: Ingeborg Bachmann - Malina (50/100)

"Ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe." Auch wenn das Schreiben für Ingeborg Bachmann immer auch schmerzlich war.

"Es war Mord!"

Dies ist wohl der berühmteste Schlusssatz eines Romans der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Nach über 350 Seiten einer Dreiecksgeschichte im Wien der Gegenwart zwischen dem vielreisenden, aus Ungarn stammenden Ivan und einem bis zur Katatonie ruhigen Militärhistoriker namens Malina verschwindet die namenlose Ich-Erzählerin in einem Riss in der Wand ihrer Wohnung in Wien. Seither wird darüber nachgegrübelt, wer die Erzählerin auf dem Gewissen hat. Die patriarchale Gesellschaft? Die Zeitläufte des an Gräueln so reichen 20. Jahrhunderts? Der kaltherzige Liebhaber Ivan? Der passiv zuhörende Malina? Oder nicht doch die Prägungen der Kindheit in einem Elternhaus, dessen Erziehung auf den ersten Blick einen wundervollen Menschen hervorgebracht hat, auf den zweiten jedoch ein einziges Unglücksprogramm war? Oder sind die Erzählerin, Ivan und Malina nicht Facetten ein- und derselben Person?

            "Malina" besteht aus einer Vorrede und drei langen Kapiteln. "Glücklich mit Ivan" und "Von letzten Dingen" heißen der erste und letzte Teil. Der auch formal anspruchsvollste und rätselhafteste Part trägt die Überschrift "Der dritte Mann". Darin tritt neben Malina und Ivan nun "der Vater" auf, doch auch wenn Ingeborg Bachmann ihren Roman "Malina" immer wieder als "eine geistige, imaginäre Autobiographie" bezeichnet hat, so muss man vor Kurzschlüssen auf die Lebensgeschichte der 1926 in Klagenfurt Geborenen warnen. Gewiss, Ingeborg Bachmanns Vater trat 1932 als Klagenfurter in die NSDAP ein, was sie zu Lebzeiten nie explizit thematisiert hat. Genau wie ihre unglücklichen Liebesgeschichten mit Paul Celan und Max Frisch gehört das zum autobiographischen Hallraum von "Malina". Doch Bachmanns Ambition in diesem Roman geht viel weiter.

"Der Ort ist diesmal nicht Wien. Es ist ein Ort, der heißt Überall und Nirgends. Die Zeit ist nicht heute. Die Zeit ist überhaupt nicht mehr, denn es könnte gestern gewesen sein, lange her gewesen sein, es kann wieder sein, immerzu sein, es wird einiges nie gewesen sein."

Bachmann will in "Malina" nichts weniger als von den Prägungen einer Intellektuellen im 20. Jahrhundert schreiben. Wieviel an ihrem Leid individuell gesucht und zu verantworten ist, wieviel dagegen strukturell mit ihrem Frausein zusammenhängt, davon handelt dieses auch heute, fast 50 Jahre nach seinem Erscheinen noch beunruhigende Buch.

"Mein Vater ist zufällig nach Hause gekommen. Meine Mutter hat drei Blumen in der Hand, es sind die Blumen für mein Leben, sie sind nicht rot, nicht blau, nicht weiß, doch sind sie für mich bestimmt, und sie wirft die erste vor meinen Vater hin, ehe er sich uns nähern kann. Ich weiß, daß sie recht hat, sie muß sie ihm hinwerfen, aber ich weiß jetzt auch, daß sie alles weiß, Blutschande, es war Blutschande, aber bitten möchte ich sie um die anderen Blumen doch, und ich sehe meinen Vater in meiner Todesangst an ...“

In diesem zweiten Kapitel imaginiert Ingeborg Bachmann sich in wechselnde Opferbiographien hinein: mal ist wie hier die Rede von einer "Blutschande", also von Inzest, mal wird beschrieben, wie das vier- oder fünfjährige Kind der Erzählerin erschossen wird. Die Gewaltszenen steigern sich bis zur Unerträglichkeit, gipfelnd in der Beschreibung des Vergastwerdens. Darin liegt bis heute eine nicht geringe Zumutung von "Malina":

"Mein Vater nimmt ruhig einen ersten Sachlauch von der Wand ab, ich sehe ein rundes Loch, durch das es hereinbläst, und ich ducke mich, mein Vater geht weiter, nimmt einen Schlauch nach dem anderen ab, und eh ich schreien kann, atme ich schon das Gas ein, immer mehr Gas. Ich bin in der Gaskammer, das ist sie, die größte Gaskammer der Welt, und Ich bin allein darin. Man wehrt sich nicht im Gas. Mein Vater ist verschwunden, er hat gewußt, wo die Türe ist und hat sie mir nicht gezeigt, und während ich sterbe, stirbt mein Wunsch, ihn noch einmal zu sehen und ihm das Eine zu sagen. Mein Vater, sage ich ihm, der nicht mehr da ist, ich hätte dich nicht verraten, ich hätte es niemand gesagt. Man wehrt sich hier nicht."

Man kann diese Aneignung der Opferrolle in der Gaskammer aus guten Gründen degoutant finden. Das dahinter stehende Leid ist in jedem Fall real. Und wer sprach in einem 1971 auf Deutsch veröffentlichten Roman überhaupt von Gaskammern? Tatsächlich geht Bachmann in diesem Roman so radikal an die Grenzen des Sagbaren über Ängste, Begehren, Sehnsüchte und Alpträume, dass der Text bis heute nicht nur nichts von seiner Anstößigkeit verloren hat, sondern im Gegenteil, eher obszöner erscheint:

"Man hält es nicht für möglich, aber außer ein paar Betrunkenen, ein paar Lustmördern und anderen Männern, die auch in die Zeitung kommen, bezeichnet als Triebverbrecher, hat kein normaler Mann mit normalen Trieben die naheliegende Idee, daß eine normale Frau ganz normal vergewaltigt werden möchte."

Ingeborg Bachmann hat bis zu ihrem 30. Lebensjahr einige der schönsten Gedichte in deutscher Sprache nach 1945 geschrieben: auch "Die gestundete Zeit" oder "Die Anrufung des großen Bären" hätten Bachmann ihren Platz in meinem Kanon gesichert. Was mir an Ingeborg Bachmann heute jedoch am meisten imponiert, ist ihr früher und unbedingter Wille, als junge Autorin zu reüssieren. Sie ist das literarische Pendant zu Gerhard Schröder, der am Zaun des Kanzleramts rüttelt und ruft: "Ich will da rein!" Bachmann wusste, dass sie für sich als Dichterin eine Persona entwerfen musste, dass wer im von ihr "Mordschauplatz" genannten Literaturbetrieb Wirkung erzielen will, etwas von sich geben muss - und sie war bereit, diesen Preis dafür zu bezahlen. Wie hoch der Preis dafür wirklich war, darüber denkt sie in "Malina" nach. Das zweite Kapitel endet mit den Sätzen:

"Es ist immer Krieg.
Hier ist immer Gewalt.
Hier ist ist immer Kampf.
Es ist der ewige Krieg."

*

Ingeborg Bachmann: "Malina"

Suhrkamp, 357 S., 14.95€

Autor: Denis Scheck
Redaktion: Valentina Dobrosavljevic

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.

Schecks Bücher: Ingeborg Bachmann - Malina (50/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 08.03.2018 | 06:51 Min.

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