Reitställe – Idylle ohne Konkurrenz?

Reitställe – Idylle ohne Konkurrenz?

Wind in den Haaren, wiehernde Pferde, weite Wiesen, Ledersättel – viele stellen sich den Reitstall als naturnahe Idylle vor. Liegt das Glück der Erde wirklich auf dem Rücken – oder in den Reitställen – der Pferde?

Gut Amtmann Scherf

Die ländliche Idylle wirkt fast wie eine kitschige Filmkulisse: Mitten im Bergischen Land liegt das ehemalige Rittergut Gut Amtmann Scherf. Der mittelalterliche Vierkanthof mit der großen Reithalle auf der linken Seite ist vor allem bei Westernreitern sehr beliebt.

Die ländliche Idylle wirkt fast wie eine kitschige Filmkulisse: Mitten im Bergischen Land liegt das ehemalige Rittergut Gut Amtmann Scherf. Der mittelalterliche Vierkanthof mit der großen Reithalle auf der linken Seite ist vor allem bei Westernreitern sehr beliebt.

Jeden Abend holt die Auszubildende Tanja Schneider etwa 80 Pferde in kleinen Gruppen von der Weide. Dazu ruft die zukünftige Pferdewirtin die Tiere mit lauten Pfiffen. Kommen die Pferde angaloppiert, legt sie jedem erst das Halfter um, bevor es Richtung Stall geht. Nur die Fohlen laufen in der Nähe der Stuten frei mit. 

Die Wallache gehen zwar brav am Halfter mit zum Stall, weil sie wissen, dort gibt es Kraftfutter. Trotzdem muss Tanja Schneider sehr aufpassen, dass sich kein Tier erschrickt und ausbricht, wenn zum Beispiel plötzlich ein Auto startet oder vorbeifährt.

Es riecht nach Leder, Pferden und Heu. Im gepflasterten Innenhof schauen die Pferde neugierig aus den aufgeklappten Metallgitterfenstern. Sie schnauben und pupsen gut hörbar. Eine eigene Box kostet im Monat mindestens 600 Euro, inklusive Verpflegung und Betreuung. Dazu gehört den Stall ausmisten, füttern und die Pferde morgens und abends auf die Weide bringen.

Ein Reitstall in der Nähe von München: Hier lebt das sanftmütige Islandpony Isòl vom Kronshof, gemeinsam mit einer kleinen Stutenherde, das ganz Jahr draußen. Nur der Paddock gewährt den Tieren bei Regen Schutz. Besitzerin Lea Schmidbauer besucht ihre Isòl viermal die Woche und reitet mit ihrem Pferd raus ins Grüne.

Bei Wind und Wetter kümmert sich Lea Schmidbauer um ihr Islandpony. Dazu gehören auch ein paar Knuddeleinheiten. Sie weiß, dass Großpferdemenschen, wie sie die Sportreiter nennt, Islandpferdereiterei eher belächeln. "Ihr mit euren kleinen, hubbeligen Ponys, ihr macht doch gar keinen Sport. Das stimmt, wir sind eher im Wald unterwegs, haben Wollpullies an und nicht irgendwelche eleganten Turniersakkos." Für Lea Schmidbauer ist Isòl kein Sportgerät, das sie alle paar Jahre durch ein vermeintlich attraktiveres, schnelleres Tier ersetzt. Sie hat erst seit sieben Jahren ein eigenes Pferd. Das Islandpony ist ein Freizeitpartner, den sie nicht im Stich lassen würde, wenn es mal alt sind und krank ist, sagt sie.

Kaum jemand weiß, dass die Filmemacherin Lea Schmidbauer eine der erfolgreichsten Pferdebuchautorinnen Deutschland ist. Gemeinsam mit einer Kollegin erfand die pragmatische Drehbuchautorin den schwarzen Hengst Ostwind. Mittlerweile schreibt sie die Ostwind-Romane alleine, meist in ihrem Büro mitten in München, wo auch das Filmplakat hängt und die neuesten Pferdebücher stehen.

Leben Pferde in naturnahen Reitställen, wirkt das sehr idyllisch und ist es wohl auch. Die Tiere sind bei Wind und Wetter tagsüber draußen. Stuten und Wallache, also kastrierte Hengste, werden getrennt, auch Zuchthengste leben separat in Herden. So werden tierische Rangeleien weitgehend vermieden. Nur die Stuten mit ihren Fohlen bleiben Tag und Nacht draußen und genießen sichtbar die Zeit miteinander.   

Stand: 04.04.2019, 10:12 Uhr