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"Es war die geilste Zeit"

"Es war die geilste Zeit"

Vom Tattoo mit dem Bild seiner Ex-Freundin Franzsika van Almsick, seiner sozialistischen Prägung in der DDR bis zum gläsernen Sportler: besondere Zitate von Stefan Kretzschmar aus der WDR 5 Redezeit.

Sein Tattoo von Franziska van Almsick
"Es war eine wichtige Zeit in meinem Leben. Dazu kann ich stehen. Das wird nicht weggemacht, wird auch kein Schnurrbart drübergemacht."

Junger Handballer
"Ich glaube schon, dass es vielen Spielern auf den Nerv gegangen ist, dass ich nur an mich gedacht habe, den Ball selten abgespielt habe und mir meine eigenen Statistiken wichtiger waren. Was mir half, der beste Linkaußen zu werden, was mir aber nicht half, mit der Mannschaft Titel zu gewinnen."

Die Sportschule in der DDR
"Nur 16 von 300 Spielern wurden genommen, die Auslese war extrem. Es war hart, aber wenn du ein guter Spieler werden wolltest, war es weltklasse."

Sozialistische Erziehung
"Ich bin sehr sozialistisch geprägt. Ich bin so erzogen worden und habe an die Idee des Sozialismus geglaubt. Dann nahm uns der Kapitalismus ein. Das war für uns alle ziemlich überfordernd."

Hausbesetzer
"Ich war in der Hausbesetzer-Szene in Ostberlin aktiv, weil ich ein systemtreuer Mensch der DDR war, und dann kam auf einmal die Vereinnahmung des Feindes, übertrieben formuliert. Da wurde ich dann zum Rebell gegen das West-System."

Dann kam die Freiheit
"Kein Ort der Welt hat jemals so viel Energie freigesetzt wie Ostberlin in den 90er Jahren. Es gab kein Bauordnungsamt, keine Polizei, es war ein Ausnahmezustand. Jeder hat irgendwo eine Kneipe aufgemacht. In der vierten Etage eines Wohnhauses wurde mit Spanplatten ein Tresen gebaut und alles kostete eine Mark. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Es war fast Anarchie. Das war die Zeit, in der ich meine Jugend durchlief. Es war die geilste Zeit."

Spaltung Ost-West
"Ich glaube, dass man die Leute der DDR nicht mit ins Boot genommen hat, so richtig wahrhaftig und ehrlich. Man hat sie mit all ihren Errungenschaften, worauf sie auch stolz waren, alleine gelassen. Das Sportschulsystem wurde völlig abgeschafft. 20 Jahre später erfindet der Westen es wieder neu und nennt es Sportakademie. Jetzt ist es die Erfindung derer, die es damals zerstört haben."

Vorurteile
"Hinzu kam, dass man immer wieder mit dem Vorurteil zu kämpfen hatte, Ossis könnten nicht arbeiten oder sind alle faul. Man fühlte sich schon, da können Sie mich jetzt polemisch nennen, als Mensch zweiter Klasse. Das ist bis heute verankert, mit der hohen Arbeitslosigkeit, immer noch nicht angeglichenen Gehältern Ost und West, Rente. Man macht da eben schon noch Unterschiede."

Was sich verändert hat
"Das war in den 90ern eben nicht so. Da konnte man Parolen raushauen, sich politisch engagieren, da wurde zwei Wochen über dich geschrieben, dann war's vorbei. Dann tauchte im Internet auch nichts mehr auf. Heute begleitet es dich und verfolgt dich ein Leben lang. Deswegen hat sich die Gesellschaft verändert und hat sich der Sportler auch verändert."

Stand: 10.01.2019, 10:03 Uhr