Live hören
Jetzt läuft: One Percent von Si Tew

"Ich war als junger Handballer extrem egoistisch"

Stefan Kretzschmar

"Ich war als junger Handballer extrem egoistisch"

Stefan Kretzschmar ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Handballer aller Zeiten und Botschafter der Handball-WM. In der Redezeit spricht er über Sport und Politik, sein Aufwachsen in der DDR und warum er früher ein sehr egoistischer Spieler war.

Seit elf Jahren spielt Stefan Kretzschmar nicht mehr aktiv, aber kein anderer Handball-Spieler nach ihm hat seine Bekanntheit erlangt. Er ist einer der bekanntesten Handballer aller Zeiten und Botschafter der Handball-Weltmeisterschaft, die am Donnerstag (10.01.2019) gestartet ist. In den 1990er Jahren war er durch seine wechselnden Frisuren, vielen Tattoos und eigener MTV-Show eine Art Handball-Popstar.

"Ich war als junger Handballer egoistisch" - Stefan Kretzschmar

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit 11.01.2019 27:16 Min. Verfügbar bis 10.01.2020 WDR 5

Download

Die Aura von Sportprofis

"Wir bräuchten dringend neue Gesichter, die die Sportart in die nächste Generation transportieren", sagt der 45-Jährige in der WDR 5 Redezeit. "Man kann so etwas nicht künstlich erzeugen. Keine Marketingagentur kann Stars bauen." Das sei auch in anderen Sportarten so. Es liege an der Aura, die ein Franz Beckenbauer, Boris Becker oder Dirk Nowitzki haben, findet er.

"Es war die geilste Zeit"

Vom Tattoo mit dem Bild seiner Ex-Freundin Franzsika van Almsick, seiner sozialistischen Prägung in der DDR bis zum gläsernen Sportler: besondere Zitate von Stefan Kretzschmar aus der WDR 5 Redezeit.

Sein Tattoo von Franziska van Almsick
"Es war eine wichtige Zeit in meinem Leben. Dazu kann ich stehen. Das wird nicht weggemacht, wird auch kein Schnurrbart drübergemacht."

Junger Handballer
"Ich glaube schon, dass es vielen Spielern auf den Nerv gegangen ist, dass ich nur an mich gedacht habe, den Ball selten abgespielt habe und mir meine eigenen Statistiken wichtiger waren. Was mir half, der beste Linkaußen zu werden, was mir aber nicht half, mit der Mannschaft Titel zu gewinnen."

Die Sportschule in der DDR
"Nur 16 von 300 Spielern wurden genommen, die Auslese war extrem. Es war hart, aber wenn du ein guter Spieler werden wolltest, war es weltklasse."

Als die Mauer fiel, war er 16
"Als die Mauer fiel, empfand ich das nicht als Befreiung. Es war das größte Ereignis in der deutschen Geschichte und ich habe im Wohnzimmer gesessen und Karten gespielt."

Sozialistische Erziehung
"Ich bin sehr sozialistisch geprägt. Ich bin so erzogen worden und habe an die Idee des Sozialismus geglaubt. Dann nahm uns der Kapitalismus ein. Das war für uns alle ziemlich überfordernd."

Hausbesetzer
"Ich war in der Hausbesetzer-Szene in Ostberlin aktiv, weil ich ein systemtreuer Mensch der DDR war, und dann kam auf einmal die Vereinnahmung des Feindes, übertrieben formuliert. Da wurde ich dann zum Rebell gegen das West-System."

Dann kam die Freiheit
"Kein Ort der Welt hat jemals so viel Energie freigesetzt wie Ostberlin in den 90er Jahren. Es gab kein Bauordnungsamt, keine Polizei, es war ein Ausnahmezustand. Jeder hat irgendwo eine Kneipe aufgemacht. In der vierten Etage eines Wohnhauses wurde mit Spanplatten ein Tresen gebaut und alles kostete eine Mark. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Es war fast Anarchie. Das war die Zeit, in der ich meine Jugend durchlief. Es war die geilste Zeit."

Spaltung Ost-West
"Ich glaube, dass man die Leute der DDR nicht mit ins Boot genommen hat, so richtig wahrhaftig und ehrlich. Man hat sie mit all ihren Errungenschaften, worauf sie auch stolz waren, alleine gelassen. Das Sportschulsystem wurde völlig abgeschafft. 20 Jahre später erfindet der Westen es wieder neu und nennt es Sportakademie. Jetzt ist es die Erfindung derer, die es damals zerstört haben."

Vorurteile
"Hinzu kam, dass man immer wieder mit dem Vorurteil zu kämpfen hatte, Ossis könnten nicht arbeiten oder sind alle faul. Man fühlte sich schon, da können Sie mich jetzt polemisch nennen, als Mensch zweiter Klasse. Das ist bis heute verankert, mit der hohen Arbeitslosigkeit, immer noch nicht angeglichenen Gehältern Ost und West, Rente. Man macht da eben schon noch Unterschiede."

Haltung zeigen, seine Meinung sagen?
"Damals ging das, heute nicht mehr. Die Entwicklung von Social Media, aus Sportlern gläserne Menschen zu machen, macht Sportler zu Menschen, die keine Position mehr beziehen, keine Meinung mehr haben, weil sie den Shitstorm nicht mehr ernten wollen. Das kann ich völlig verstehen."

Was sich verändert hat
"Das war in den 90ern eben nicht so. Da konnte man Parolen raushauen, sich politisch engagieren, da wurde zwei Wochen über dich geschrieben, dann war's vorbei. Dann tauchte im Internet auch nichts mehr auf. Heute begleitet es dich und verfolgt dich ein Leben lang. Deswegen hat sich die Gesellschaft verändert und hat sich der Sportler auch verändert."

Eltern waren auch Handballer - er wollte ihnen nacheifern

Moderatorin Anja Backhaus und Stefan Kretzschmar im Studio

Moderatorin Anja Backhaus und Stefan Kretzschmar im Studio

"Kretzsche" war einer der ersten Sportstars, die in der ehemaligen DDR aufwuchsen und gesamtdeutschen Ruhm erlangten. 1973 wurde er in Leipzig geboren. Seine Mutter war eine der besten Handballerinnen der Welt und DDR-Sportikone. Sein Vater war auch Handballer und hat später die Frauennationalmannschaft trainiert. "Mich hat der Sport fasziniert. Ich fand das immer klasse, was meine Eltern gemacht haben und wollte ihnen nacheifern." Dass sie Druck auf ihn ausgeübt hätten, sei ein Klischee, das gern benutzt wird, aber nicht stimme, betont Stefan Kretzschmar.

Er sei kein Anführertyp, früher nie prädestiniert für das Amt des Kapitäns gewesen. "Ich habe immer mein eigenes Ding gemacht und war bis zum Alter von 25 extrem egoistisch", erzählt er offen. "Für mich war es fast wichtiger, wie viele Tore ich in dem Spiel gemacht habe, als dass die Mannschaft gewonnen hat." Linksaußen wurde er der beste – Mannschaftsspieler zu werden, musste er erst lernen. 

Privilegiertes Leben in der DDR geführt

Stefan Kretzschmar hat ein privilegiertes Leben in der DDR geführt, die "Sonnenseite des Systems genossen". Die Sportschule sei hart gewesen, die Auslese extrem. Aber ihm war bewusst, dass er damit seinen Traum verwirklichen konnte, den er schon ganz früh vor Augen hatte: Weltklasse-Handballer zu werden.

Er war 16, als die Mauer fiel. Seine Eltern waren Anhänger des Systems, er wurde so erzogen und hat an den Sozialismus geglaubt. "Die ganzen negativen Seiten des Systems waren mir bis zu dem Zeitpunkt nicht bewusst."  Er spürt immer noch eine Spaltung zwischen Ost und West, man habe sich nach dem Mauerfall als Menschen zweiter Klasse gefühlt, was bis heute bei vielen noch so sei.

Redaktion: Heiko Hillebrand

Stand: 10.01.2019, 16:52