Der Antisemitismus-Komplex

Ein Bürger aus Bonn demonstriert auf dem Marktplatz mit einer Kippa auf dem Kopf.

Der Antisemitismus-Komplex

Wie gravierend ist das Problem der Judenfeindlichkeit in Deutschland? Die Antisemitismus-Debatte wird nicht selten auch für politische Zwecke instrumentalisiert, sagt der israelische Soziologe Moshe Zuckermann in der Redezeit.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann ist ein radikaler Kritiker der aktuellen israelischen Politik. Der Antisemitismus-Vorwurf, so seine Analyse, diene häufig dazu, Politik zu machen, insbesondere hier in Deutschland: "Im Mittelpunkt des Wirrsals steht der Nahostkonflikt beziehungsweise der israelisch-palästinensische Konflikt, der aber nicht etwa historisch, politisch, ökonomisch oder sonst wie analysiert wird, sondern lediglich die Plattform für das gesteigerte Toben von Meinungen, Zuschreibungen, Schmähungen und selbstgefälligen Parteinahmen darstellt", so die Meinung des Soziologen.

Dem deutsch-israelischen Verhältnis unterstellt der 69-Jährige schon beinahe "pathologische Züge" – die beiden Länder seien heillos verstrickt aufgrund des Holocaust und dessen Aufarbeitung. Das spiegele sich auch in der Diskussion über den Antisemitismus: "Deutsche solidarisieren sich mit einem Israel, das seit mindestens fünfzig Jahren Palästinenser knechtet, und wenn man sie darauf hinweist, dass diese Solidarität nicht haltbar ist, gerät man in ihrem Munde zum Antisemiten, zum Israelhasser oder gar zum selbsthassenden Juden", erklärt Zuckermann.

Natürlich gibt es Antisemitismus in Deutschland, das ist für Moshe Zuckermann keine Frage. Die Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs sieht der Soziologe allerdings als ein ebenso gravierendes Problem. Deshalb hinterfragt er die Strukturen dieser Gemengelage kritisch bis polemisch – und versucht den gordischen Knoten des komplexen Diskurses zu lösen, indem er sortiert: Wo handelt es sich tatsächlich um Antisemitismus, wo wird der Antisemitismusvorwurf instrumentalisiert?

Moshe Zuckermann als Sohn von polnisch-jüdischen Holocaust-Überlebenden 1949 in Israel zur Welt, verbrachte seine Jugend in den 1960er Jahren in Frankfurt am Main und kehrte 1970 nach Tel Aviv zurück. Der Soziologe und Philosoph war Professor an der dortigen Universität. Von 2000 bis 2005 leitete er das Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv. Zuckermann hat als Gastprofessor unter anderem in Luzern gearbeitet und ist wissenschaftlicher Leiter der Sigmund-Freud-Stiftung in Wien.

Literaturtipp:
Moshe Zuckermann: Der allgegenwärtige Antisemit oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit. Westend-Verlag, 2018. ISBN 978-3-86489-227-1. 20 €.

Redaktion: Claudia Dammann

Der Antisemitismus-Komplex - Moshe Zuckermann

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 19.10.2018 | 28:29 Min.

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