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In einem zerrissenen Land - Lukas Rietzschel

Buchcover: "Mit der Faust in die Welt schlagen" von Lukas Rietzschel

In einem zerrissenen Land - Lukas Rietzschel

Die Bundeskanzlerin wollte in Chemnitz ein Zeichen setzen – vor allem für die, die sich gegen rechte Stimmungsmache zur Wehr setzen. Dazu gehört auch Lukas Rietzschel. Mit seinem Debütroman liefert er die Innensicht einer zerrissenen Generation.

Lukas Rietzschel ist nach der Wende in der sächsischen Kleinstadt Kamenz aufgewachsen und lebt heute in Görlitz. "Kamenz war ein großer Stützpunkt der NVA, da waren die Flieger und die Fallschirmspringer und dann war da auf einmal gar nichts mehr", sagt sich der Schriftsteller in der Redezeit. Heute präsentiert sich die ehemalige Garnisonstadt von ihrer besten Seite.

"Man hat in Beton investiert und nicht in Menschen. Mit Beton können Sie nicht kitten, was in den Biografien passiert ist", sagt der 24-Jährige. "Junge Menschen verlassen immer noch den ländlichen Raum. Das können Sie nicht mit dem Soli auffangen." Was übrig bleibe, seien männerdominierte, reaktionär-konservative Gruppen. "Da ist Gewalt und Kraft immer noch etwas, mit dem man punkten kann."

In einem zerrissenen Land - Lukas Rietzschel

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 21.11.2018 | 27:38 Min.

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Frustration in allen Generationen

Sein Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" handelt von zwei Brüdern, von denen einer rechtsextrem wird. Er kennt die Figuren aus seinem Umfeld, betont aber, dass es kein biografischer Roman sei. "Man kann über diese beiden Brüder ein Gefühl dafür bekommen, wie das ist, sich auf einmal von der Gesellschaft zu entfernen und vom Staat enttäuscht zu sein. Das erleben ja nicht nur diese Jungs, sondern auch die Eltern, die Großeltern, die Erwachsenen ringsherum."

Lukas Rietzschel

Autor Lukas Rietzschel hat mit seinem Debütroman einen Nerv getroffen

Kapitalismus, Individualisierung, Globalisierung: All das hätten Ostdeutsche in kürzester Zeit lernen müssen. "Bei Untersuchungen in postsowjetischen, postsozialistischen Gesellschaften zeigt sich, dass da ein anderes Demokratieverständnis vorherrscht. Man guckt ganz genau hin: Macht der Staat was für mich, hält er die Grenzen dicht, ist er stark, hält er seine Gesetze ein?" Viele seien frustriert und meinen: "Dieser Staat hält ja gar nicht ein, was er verspricht."

Gewachsene Fremdenfeindlichkeit

Darüber hinaus sei Ausländerhass in Sachsen kein neues Phänomen. "Es gab in der DDR Vertragsarbeiter aus den sozialistischen Brüderländern, aus Vietnam oder Kuba, auch aus afrikanischen Staaten. Die waren vor den Städten untergebracht, kaserniert in Blöcken. Da gab es überhaupt keine Integration." Ein Thema sei das in der DDR nicht gewesen. "Es wurde nicht angesprochen, dass es Hetzjagden gab." Auch deshalb sollte Sachsen Flüchtlinge willkommen heißen, sagt Rietzschel. "Fremdenfeindlichkeit bekämpfen Sie am besten, indem Sie diesen Austausch schaffen."

Redaktion: Jessica Eisermann

Literaturtipp

Lukas Rietzschel (2018): Mit der Faust in die Welt schlagen. Berlin:
Ullstein Verlag. 320 Seiten