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Jenna Behrends: "Familienpolitik braucht Neustart"

Porträt Jenna Behrends

Jenna Behrends: "Familienpolitik braucht Neustart"

Als sie selbst Mutter wurde, hat Jenna Behrends gemerkt, wie viele Probleme es in der Familienpolitik gibt. Deswegen ist sie selbst in die Politik gegangen, um eine Debatte anzustoßen. Das Problem: Ein veraltetes Rollenbild, auf dem alles fußt.

Jenna Behrends, Jahrgang 1990, ist Berliner CDU-Politikerin und junge Mutter. Ihre Tochter wird bald sechs und in Kürze erwartet sie ihr zweites Kind.

2016, noch vor der #Metoo-Debatte, hat sie sich mit einem offenen Brief gegen sexuelle Belästigung in ihrer Partei gewehrt und damit für Aufregung gesorgt. "Ich kann verstehen, dass es einige stark überfordert hat, aber durch die anschließende riesige Debatte ist vielen rückblickend klar geworden, dass das ein Thema ist", so Behrends in der WDR 5 Redezeit.

Jenna Behrends: "Familienpolitik braucht Neustart"

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit 12.06.2019 24:52 Min. Verfügbar bis 11.06.2020 WDR 5

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"Ich bin auf so viele Hürden gestoßen"

Jetzt kämpft sie für einen Neustart in der Familienpolitik. Sie sei immer schon politisch interessiert gewesen, konnte sich aber, bevor sie Mutter wurde, nie vorstellen, einer Partei beizutreten. Keine Hebamme, kein Kinderarzt, kein Kita-Platz: "Als meine Tochter geboren wurde, bin ich auf so viele Hürden gestoßen, dass ich mich gefragt habe, wie es sein kann, dass das bisher in der politischen Diskussion keine Rolle spielt." Ihre Antwort: Vielleicht seien zu wenige Eltern, die das betrifft, politisch aktiv.

Junge Familie in ihrer Freizeit

Jenna Behrends plädiert dafür, Familienpolitik völlig neu zu denken

Jenna Behrends kritisiert, dass viele familienbezogene Leistungen gar nichts mit Familie zu tun haben, sondern mit dem Status der Ehe – wie das Ehegattensplitting oder die kostenlose Mitversicherung in der Krankenkasse. "Bei Klima- oder Digitalpolitik haben wir erkannt, dass dringend etwas geschehen muss, aber bei Familienpolitik akzeptieren wir, dass wir weiterhin ein Leitbild der 50er und 60er Jahre haben", sagt Behrends. Ein Haupternährer, Kinder, die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich: Daran orientiere sich aktuelle Familienpolitik, darauf fuße unser ganzes Steuermodell. "Wer Berufstätigkeit gleichmäßig aufteilt, nicht verheiratet ist oder gar alleinerziehend, fällt aus diesem Raster raus und wird dafür regelrecht bestraft."

"Diejenigen entlasten, die Verantwortung übernehmen"

Jenna Behrends fordert: "Wir sollten diejenigen entlasten, die Verantwortung für andere übernehmen." Und: "Ich fände eine Familienpolitik am besten, die sich am Vorhandensein von Kindern orientiert, wo es keine Rolle spielt, ob sie bei einem Alleinerziehenden oder einem verheirateten Paar aufwachsen."

Mit ihrem aktuellen Buch "Rabenvater Staat", für das sie Familien mit den unterschiedlichsten Lebensentwürfen in ganz Deutschland besucht hat, will sie zu dieser Debatte beitragen. Sie plädiert dafür, Familienpolitik komplett neu zu denken – auch wenn ihr klar ist, wie schwierig das ist: "Man kann gar nicht ideologiefrei über Familien sprechen."

Buchtipp
Jenna Behrends: Rabenvater Staat, dtv 2019, 208 S., 18 Euro.

Redaktion: Valentina Dobrosavljevic