30 Jahre Aids-Stiftung: Anfangs war die Not

Hände mit Aidsschleife

30 Jahre Aids-Stiftung: Anfangs war die Not

Rainer Ehlers hat vor 30 Jahren mit einer Million Mark die Deutsche AIDS-Stiftung "Positiv leben" gegründet. In der Redezeit erzählt er vom Schwulenhass damals, seiner Arbeit als erster AIDS-Pfarrer und warum er seinen bekannten Namen Jarchow abgelegt hat.

Es war Mitte der 80er Jahre, als Rainer Ehlers selbst das erste Mal von AIDS hörte. "Es war erschreckend zu erleben, wie Bürgerinitiativen in den USA die Öffentlichkeit, Verwaltung und sogar Wissenschaft dazu aufforderten, nichts gegen diese Krankheit zu unternehmen, da es die fabelhafte Gelegenheit wäre, dass sich die Schwulen selbst ausrotten", erzählt Ehlers in der WDR 5 Redezeit von der Stimmung damals. Ganz so schlimm sei es in Deutschland nicht gewesen, aber es habe auch hier Versuche gegeben, die Ausbreitung von AIDS zu verhindern, indem Betroffene weggesperrt werden sollten.

30 Jahre deutsche AIDS-Stiftung - Rainer Ehlers

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 29.11.2017 | 29:37 Min.

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Sehr viele Schwule hätten sich damals in die erste Reihe der AIDS-Bekämpfung gestellt, betont Ehlers. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass das, was wir heute an schwuler Emanzipation, an Rechten und Pflichten haben, ohne die AIDS-Thematik nicht so rasant möglich gewesen wäre."

Es herrschten Angst und Hysterie

Menschen halten Plakat der Aids-Stiftung hoch (1989), Rita Süssmuth (2.v.l.), Rainer Ehlers, geb. Jarchow (2.v.r.)

Die Anfänge der Deutschen-Aids-Stiftung

Rainer Ehlers ist selbst homosexuell. Der 75-Jährige ist Theologe und Psychotherapeut. Er ist in Hamburg geboren und hat damals in Köln gelebt, als er den Vorgänger der Deutschen AIDS-Stiftung gründete. "Ich war im Kölner Gesundheitsamt für Menschen mit HIV und Aids zuständig und habe mitbekommen, wie viel Not, Ungerechtigkeit, Angst und Hysterie herrschten", so Ehlers. Sein Vater hat ihm nach seinem Tod viel Geld vermacht. Ihm war klar, dass er nicht alles für sich behalten wollte. Plötzlich sei er in der Lage gewesen, die Stiftung zu gründen, suchte sich Verbündete.

So entstand 1987 die Deutsche AIDS-Stiftung "Positiv leben", eine der beiden Vorgängerstiftungen der Deutschen AIDS-Stiftung – aus Ehlers privatem Erbe von einer Million Mark. Was hätte sein Vater dazu gesagt? "Meine psycho-soziale Arbeit im Kölner Gesundheitsamt fand er jedenfalls gut."

Mit 69 den Mann fürs Leben gefunden

Portrait Rainer Ehlers, geb. Jarchow, 2006

Vorkämpfer Rainer Ehlers

Der Name Rainer Ehlers sagt kaum einem was – sein Geburtsname dagegen schon: Rainer Jarchow. Sein Name ist eine Marke als prominenter Vorkämpfer für die Rechte von Homosexuellen. 2011 – mit 69 Jahren – hat er den Mann seines Lebens gefunden, wie er erzählt. Sie sind die Lebenspartnerschaft eingegangen. "Ich fand das so unglaublich, dass ich in diesem hohen Alter noch einmal jemanden gefunden habe, der mit mir so auf Augenhöhe, liebevoll und glücklich ist – das wollte ich in die ganze Welt hinausschreien." Deswegen habe er den Namen seines Mannes angenommen – als ein Bekenntnis zu seinem privaten Glück.

Rainer Ehlers blickt auf ein turbulentes Leben. Er hat sich erst mit Ende 20 als schwul erlebt, war zu der Zeit noch mit einer Frau verheiratet. 1972 hat er sich geoutet. Ihm sei klar geworden, dass die Akzeptanz von Homosexualität nur über Sichtbarmachung möglich ist. "Wenn Schwule nicht sichtbar sind, können sie auch nicht für ihre Rechte und Anerkennung kämpfen." Er plädiert dafür, dass offen über Sexualität gesprochen wird, in Schulen, in Kindergärten. "Und zwar auch die lustbetonte und nicht nur fortpflanzungsbetonte Sexualität."

Der Bischof hat liberal reagiert

Ehlers hat zu der Zeit seines Outings als Pfarrer einer Gemeinde in Hamburg gearbeitet. Er ist zum Bischof gegangen, um ihm alles zu erzählen und um sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Der Bischof habe sehr liberal reagiert. "Er hat mich nicht verurteilt oder in Frage gestellt, sondern erst einmal in eine andere Pfarrstelle versetzt, damit sich die Gemeinde beruhigen kann."

Das Erleben seiner Homosexualität war für ihn eine Befreiung, beschreibt Rainer Ehlers. "Ich war vorher mit Männern immer eher verkrampft. Ich konnte auf einmal so viele Zwänge und Ängste ablegen."

Sterbebegleitung für Aidskranke gemacht

Rainer Ehlers anlässlich des Welt-AIDS-Tags 1998 mit der damaligen Hamburger Gesundheitssenatorin Karin Roth vor der Gesundheitsbehörde

Engagement seit 30 Jahren

Rainer Ehlers hat seinen Pfarrersberuf ruhen lassen, als er sich Anfang der 80er Jahre einer Aussteiger-Kommune in Griechenland anschloss. Seit drei Jahrzehnten engagiert er sich für Menschen mit HIV und Aids: Er wurde 1986 der erste Berater für Menschen mit HIV und AIDS beim Gesundheitsamt der Stadt Köln. 1994 wurde er in Hamburg der erste AIDS-Pfarrer. "Man sah, dass die missliche Stellung von Homosexuellen auch kirchlich bedingt war und wollte ein Signal setzen", so Ehlers. Er habe Sterbebegleitung für AIDS-Kranke gemacht. Ab 1996, als es erste Medikamente gegen die Krankheit gab, sei es eher Lebensberatung gewesen.

Am Freitag, (01.12.2017) wird zum 30. Mal der Welt-AIDS-Tag begangen. Heute ist ein langes und gutes Leben mit HIV möglich, unter einer gut wirksamen Therapie ist HIV nicht mehr übertragbar. Als Ehrenamtler setzt Rainer Ehlers auch im Ruhestand sein Engagement für Menschen mit HIV und AIDS konsequent fort, zuletzt als Vorsitzender des Fachbeirats der Deutschen AIDS-Stiftung bis Dezember 2016, seit Juli ist er Mitglied im Stiftungsrat der Deutschen AIDS-Stiftung.