Schecks Bücher – Charles Darwin: Vom Ursprung der Arten (88/100)

Buchcover von Charles Darwin: Vom Ursprung der Arten

Schecks Bücher – Charles Darwin: Vom Ursprung der Arten (88/100)

Jahrzehntelang haderte Charles Darwin mit der Veröffentlichung seiner Evolutionstheorie. Als sie 1859 erscheint, ist die Erstauflage noch am Tag der Auslieferung sofort vergriffen – und bringt das herrschende Weltbild zum Einsturz.

Dieses Buch hat Gott vom Thron gestoßen und aus dem Menschen einen schlauen Affen gemacht. Während seiner fünfjährigen Reise um die Welt auf der noch nicht mal dreißig Meter langen HMS Beagle hat sich der stets seekranke Charles Darwin die Seele aus dem Leib gekotzt und in unendlich mühseligen detailbesessenen Naturbeobachtungen jenes Material aufgehäuft, das ihn acht Jahre später in den Stand setzte, seine Evolutionstheorie zu formulieren. Antrieb für die Schufterei war für Darwin nicht zuletzt, seinen Vater Robert zu widerlegen, der ihm prophezeit hatte:

Du interessierst Dich für nichts außer Schießen, Hunde und Rattenfangen, und du wirst dir selbst und deiner ganzen Familie zur Schande gereichen.

Als Darwin am 2. Oktober 1836 zurück in England ist, macht er sich unverzüglich an die Arbeit, seine tausende Präparate und vielhundertseitigen Aufzeichnungen auszuwerten. Bald hat er sich durch seine Publikationen einen glänzenden Ruf als Geologe, Botaniker und Zoologe erarbeitet, doch mit der Veröffentlichung seiner Gedanken zum Ursprung der Arten hält Darwin sich jahrzehntelang zurück. Die Angst vor der eigenen Courage, ein Zaudern angesichts der möglichen Konsequenzen seiner das Weltbild seiner Zeit zum Einsturz bringenden Gedanken habe ihn zurückgehalten, argumentieren manche Darwin-Forscher. Andere führen die intellektuellen Fesseln an, die ihm sein eigener christliche Glaube angelegt habe, der erst nach dem frühen Tod seiner innig geliebten Tochter 1853 erloschen sei. Als Darwin Kenntnis von Alfred Russel Wallace ähnlichen Ideen zur Evolution erhielt, entschloß er sich denn doch zur Publikation: die Erstauflage von "The Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Live" ist noch am Tag der Auslieferung sofort vergriffen. Auf über 500 Seiten breitet Darwin geduldig seine Theorie aus, ohne mit einer Silbe auf die Frage einzugehen, was seine Befunde denn für die Frage nach der Abstammung des Menschen bedeuten könnten. Erst ganz zum Schluss fällt der Satz:

Viel Licht wird fallen auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte.

Dieser Satz ist eines der wunderbarsten Beispiele für die britische Kunst des Understatements, denn was Darwin da in seinem Buch veröffentlicht, wird alle Vorstellungen eines außerhalb der Evolution stehenden Menschen auf alle Zeit hinwegfegen. Zugleich verrät dieser Satz in meinen Augen mehr über den Charakter seines Autors als jede andere schriftliche Äußerung Charles Darwins.

Denis Scheck

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Darwin ist der Urvater aller modernen nature writer, seine präzisen Naturschilderungen trainieren die eigene Wahrnehmungsfähigkeit, sensibilisieren für das Geschehen in unserer Umwelt und spornen selbst zum genauen Hinsehen an. Zudem läßt sich bei niemandem als dem vorsichtig abwägenden Charles Darwin besser die wissenschaftliche Methode studieren: das sorgfältige Erörtern aller für und wider eine These sprechenden Argumente und Befunde, auch das taktische Zurückrudern, sollte man einmal übers Ziel hinausgeschossen sein, das In-der-Sache-hart- und das Im-Ton-verbindlich-bleiben. Charles Darwin ist nicht nur ein kluger, sondern auch ein höflicher Autor, der in seinen Beobachtungen etwa zum Nestverhalten des Kuckucks ganz rasch bei Fragen landet wie der, wie das Böse in die Welt kommt:

Beim europäischen Kuckuck werden die Jungen der Pflegeeltern gemeinhin binnen drei Tagen nach dem Schlüpfen des Kuckucks aus dem Nest gestoßen. (…) Und da Letzterer in diesem äußerst hilflos ist, neigte Mr. Gould früher zu der Ansicht, dass die Pflegeeltern ihre Jungen selbst ausstießen. Nun aber hat er einen vertrauenswürdigen Bericht erhalten, demzufolge ein Kuckuck-Junges dabei beobachtet wurde, wie es, noch blind und nicht einmal zum Heben des Kopfes in der Lage, seine Ziehbrüder hinauswarf. Einen von ihnen setzte der Beobachter wieder ins Nest, worauf er erneut hinausgeworfen wurde. Ist es nun für den jungen Kuckuck, was wohl der Fall ist, von großer Bedeutung, gleich nach dem Schlüpfen so viel Nahrung wie nur möglich zu bekommen, so sehe ich in Bezug auf die Mittel, durch die dieser seltsame und abstoßende Instinkt erworben wurde, kein großes Problem darin, dass der Kuckuck ganz allmählich über viele Generationen das blinde Verlangen, die Kraft und die Struktur erworben hat, die er für den Akt des Hinauswerfens braucht; denn diejenigen Kuckuck-Jungen, bei denen derlei Verhaltensweisen und Strukturen am besten entwickelt sind, haben auch die besten Chancen, großgezogen zu werden.

Was ist der Mensch? Mark Twain hat diese Frage mit der berühmten Formulierung beantwortet: der Mensch sei das einzige Tier, das zu erröten vermöge – und auch allen Grund dazu habe. Daß wir im 21. Jahrhundert die Eröffnung kreationistischer "Museen" in einst dem aufgeklärten Westen zugerechneten Ländern wie den USA erleben mußten, zählt zu den dunkelsten Kapiteln der neueren Geistesgeschichte. Darüber tröstet, daß Eike Schönfeldt in diesen Tagen eine glänzende Neuübersetzung von Darwins "On the Origin of Species" vorgelegt hat, die auf der Textgestalt der 6., der letzten von Darwin zu Lebzeiten ergänzten Auflage basiert; das brillante Nachwort des Zoologen Josef Reichholf eröffnet Wissenshorizonte.

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Charles Darwin: "Der Ursprung der Arten durch natürliche Selektion oder Die Erhaltung begünstigter Rassen im Existenzkampf."
Deutsch von Eike Schönfeldt. Mit einem Nachwort von Josef H. Reichholf
Klett-Cotta, 612 S., 48 €


Autor: Denis Scheck
Redaktion: Valentina Dobrosavljevic

Schecks Bücher: Darwin - Vom Ursprung der Arten (88/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 07.12.2018 | 05:53 Min.

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Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.