Schecks Bücher: Lewis Carroll - Alice im Wunderland (66/100)

Buchcover von Lewis Carroll: Alice im Wunderland

Schecks Bücher: Lewis Carroll - Alice im Wunderland (66/100)

Grinsekatze, Jabberwocky, der verrückte Hutmacher – bei Alice im Wunderland ist Fiktion das eine, Nonsense das andere und Logik das ganz andere und führt dazu, dass die Erzählung bei Kindern und Mathematikern gleichermaßen beliebt ist.

Stop making sense: das ist im Leben wie in der Literatur gar nicht so einfach. Im Gegenteil: der Nonsense kann, wird er nur richtig auf die Spitze getrieben, große Kunst sein. Der Inbegriff des Nonsense ist und bleibt der Doppelroman "Alice im Wunderland" von 1865 und seine sechs Jahre später erschienene Fortsetzung "Alice hinter den Spiegeln", die der unter dem Pseudonym Lewis Caroll schreibende Mathematiker Charles Lutwidge Dodgeson veröffentlichte. Gedacht war der erste Teil ursprünglich als Weihnachtsgeschenk für ein Mädchen namens Alice Pleasance Liddell, für das Dodgeson eine Schwäche hatte. Angefangen hatte alles mit einem Ausflug im Ruderboot. Dodgeson erfand bei der Bootspartie mit den drei Töchtern des Deans des Christ Church Colleges in Oxford eine Geschichte, die Alice Liddell so gut gefiel, daß Dodgeson sich am nächsten Tag an den Schreibtisch setzte und sie aufzuschreiben begann.

Fest steht: die Phantasie des im Christ Church College als eher dröger Pauker bekannten Dodgeson lief beim Erzählen zur Hochform auf. Das gilt fürs Personal, für den Inhalt, aber auch für die Form der Romane – so ist "Alice hinter den Spiegeln" als Schachpartie erzählt, an deren Ende die als Bauer gestartete Alice tatsächlich Königin wird. Überhaupt begegnen wir in den Alice-Romanen jeder Menge gekrönter Häupter –- darunter so eindrucksvollen wie der Roten Königin, deren "Kopf ab!"-Regierungsstil enorm an heutige Potentaten im Machtrausch wie Kim Jong-Un erinnert, oder der Schwarzen Königin, die Alice mit einer Besonderheit der Welt hinter den Spiegeln bekannt macht:

Wenn Alice später daran zurückdachte, kam sie nie mehr ganz dahinter, wie es damit eigentlich zugegangen war; nur so viel weiß sie noch, daß die Königin sie auf einmal an der Hand hielt und aus Leibeskräften rannte; und wie die Königin so schnell dahinsauste, daß sie nur noch mit der größten Mühe nachkam; und dabei rief die Königin noch dauernd: „Schneller!“, aber Alice wußte genau, daß es einfach nicht mehr ging – nur bekam sie nicht mehr genug Luft, um das auch zu sagen. (…) "Jetzt! Jetzt!" rief die Königin. "Schneller! Schneller!" Und nun sausten sie so schnell dahin, daß sie beinahe nur noch durch die Luft segelten und den Boden kaum mehr berührten, bis sie plötzlich, als Alice schon der Erschöpfung nahe war, innehielten und im nächsten Moment saß Alice schwindlig und atemlos am Boden. Die Königin lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baum und sagte gütig: "Jetzt darfst du ein wenig rasten." Voller Überraschung sah sich Alice um. "Aber ich glaube fast, wir sind die ganze Zeit unter diesen Bäumen geblieben! Es ist ja alles wie vorher!" "Selbstverständlich", sagte die Königin; "was dachtest du denn?" "Nun, in unserer Gegend", sagte Alice, noch immer ein wenig atemlos, "kommt man im allgemeinen woandershin, wenn man so schnell und lang läuft wie wir eben." "Behäbige Gegend!" sagte die Königin. "Hierzulande mußt du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst. Um woandershin zu kommen, muß man noch mindestens doppelt so schnell laufen!" "Ich möchte bitte lieber nicht!" sagte Alice."

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Alice ist eine frühe Akzelerationsverweigerin, und ihr Protest gegen den in rasenden Stillstand mündenden Beschleunigungswahn erinnert keineswegs von ungefähr an die berühmte Formulierung von Melvilles fast 20 Jahre zuvor erschienenen "Schreiber Bartleby": "I would prefer not to." Lewis Carroll schenkte uns den ewigen Fünf-Uhr-Tee des verrückten Hutmachers, des Schnapphasen und der verschlafenen Haselmaus. Die Cheshire Katze, die sich so langsam entmaterialisieren kann, daß von ihr nur ein Grinsen übrigbleibt. Die Falsche Suppenschildkröte. Das Zwillingsbrüderpaar Tweedlee und Tweedledum. Den gefährlich lebenden Eierkopf Humpty Dumpty und den mysteriösen Jabberwocky. Der Übersetzer Christian Enzensberger fand für diese Figuren wunderbar deutsche Namen wie den Goggelmoggel für Humpty Dumpty oder den Zipferlake für den Jabberwocky, wirklich durchgesetzt haben sie sich jedoch nicht; ohnehin sollte man auch die Originalnamen kennen, denn Carrolls Figuren sind längst ins Arsenal der kollektiven Phantasie eingegangen, und die Anspielungen auf sie in Kunst, Musik und Literatur weltweit sind Legion. Dass es sich bei den Alice-Büchern in Wahrheit um Gesellschaftsromane des viktorianischen Englands handelt, liegt auf der Hand. Diese Bücher, verfasst von einem Autor, der sich als Logiker hauptberuflich mit Regeln befasste, feiern Regelbruch und Rebellion, Aufstand und Revolution. Und propagieren neben unkonventionellen Vorstellungen vom Croquetspiel mit Flamingos als Schlägern und Igeln als Bällen auch zwei in der Tat revolutionäre Ideen über die Zeit:

"Du hast aber unklare Vorstellungen von der Zeit!"

sagt etwa der Hutmacher zu Alice.

"Wenn du damit so gut bekannt wärst wie ich, würdest du nicht davon reden, daß man sie verschwendet. Es ist nämlich ein Er."

Und die Weiße Königin belehrt Alice, dass sie rückwärts in der Zeit lebe:

"Das verstehe ich nicht", sagte Alice. "Es ist schrecklich verwirrend." "Das kommt davon, wenn man rückwärts in der Zeit lebt", sagte die Königin freundlich; "anfangs wird man davon leicht ein wenig schwindlig-" "Rückwärts in der Zeit!" wiederholte Alice mit großem Erstaunen. "Davon habe ich noch nie etwas gehört!" "- aber einen Vorteil hat es doch, nämlich dass das Gedächtnis nach vorne und rückwärts reicht." "Also meines reicht nur rückwärts", bemerkte Alice. "Ich kann mich nie an etwas erinnern, bevor es geschieht." "Eine dürftige Art von Gedächtnis, wenn es nur nach rückwärts reicht", stellte die Königin fest."

Das ist die schönste Aussage über Literatur, die ich kenne.
*

Lewis Carroll: "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln"
Deutsch von Christian Enzensberger
Insel, 139 und 147 S., 7 €

Autor: Denis Scheck

Redaktion: Valentina Dobrosavljevic

Schecks Bücher: Lewis Carroll - Alice im Wunderland (66/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 06.07.2018 | 06:08 Min.

Download

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.