Der NSU-Prozess und die Pflichtverteidiger

Die Angeklagte Beate Zschäpe (2.v.r.) steht am 19.11.2013 im Gerichtssaal in München zwischen ihren Anwälten Wolfgang Stahl (l.), Anja Sturm und Wolfgang Heer

Der NSU-Prozess und die Pflichtverteidiger

Beate Zschäpe ist im NSU-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Damit endet einer der großen Nachkriegsprozesse – auch für ihre Pflichtverteidiger. Die Journalistin Eva Müller hat Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm fünf Jahre lang begleitet.

Die drei Strafverteidiger sind vom 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München als Pflichtverteidiger für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe bestellt worden. Ihr wurde Mittäterschaft bei zehn terroristisch motivierten Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen sowie die Gründung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), vorgeworfen.

Zschäpe zu lebenslanger Haft verurteilt

Am Mittwoch (11.07.2018) ist die Hauptangeklagte Zschäpe zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das Oberlandesgericht (OLG) München sprach die 43-Jährige des zehnfachen Mordes schuldig und stellte auch die besondere Schwere der Schuld fest.

Seit Beginn des Prozesses im Mai 2013 hat der Vorsitzende Richter Manfred Götzl das Verfahren mehr als 430 Prozesstage lang durch alle Höhen und Tiefen laviert. Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm erlebten als Verteidiger einer mutmaßlich rechtsextremistischen Terroristin während dieser Zeit Anfeindungen und Drohungen, persönliche Lebens- und berufliche Existenzkrisen.

NSU-Prozess und die Pflichtverteidiger - Eva Müller

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 11.07.2018 | 25:29 Min.

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Dokumentarfilm mit politischer Botschaft

Die für ihre Projekte vielfach ausgezeichnete Journalistin Eva Müller hat die drei Pflichtverteidiger während der gesamten Prozessdauer vor und hinter den Kulissen begleitet und daraus einen Dokumentarfilm gemacht, der auch eine politische Botschaft transportiert. Eva Müller ist überzeugt: "In einem demokratischen Rechtsstaat brauchen mögliche Staatsfeinde wie Beate Zschäpe eine bestmögliche Verteidigung, damit wir alle am Ende mit dem Urteil gut leben können."

Eva Müller

Journalistin Eva Müller

Eva Müller hat bereits 2011 eine Dokumentation über den NSU gemacht, als die Terrorzelle aufgeflogen ist und niemand damit gerechnet hat, dass so etwas in Deutschland möglich ist. Damals war der Fokus des Films auf den Opfern und ihren Familien. Der Kölner Anwalt Wolfgang Heer hat diesen Film gesehen. Das habe eine große Rolle gespielt, dass er für dieses Projekt zugesagt hat, glaubt Eva Müller. "Er wusste, es ist eine Art von Film, bei dem sich der Zuschauer am Ende selbst ein Bild machen kann, nicht viele Wertungen stattfinden, wo man im besten Sinne dokumentiert und protokolliert." Auch Wolfgang Stahl und Anja Sturm konnte Müller später überzeugen. "Ich konnte sagen: Und wenn das sechs Jahre dauert, wir warten bis zum Ende, es wird erst ausgestrahlt, wenn die Akte zu ist." So haben sich die Anwälte freier äußern, ihre Sichtweise schildern können, was in der aktuellen Berichterstattung des laufenden Prozesses nur schwer möglich war.

"Wollen wir, dass alle eine neutrale Verteidigung bekommen?

Wie wichtig ist es, dass mutmaßlich Rechtsextreme eine gute Verteidigung bekommen? Diese Frage durchzieht den Film. "Es gibt Strafverteidiger, die sagen: 'Ich würde das nie machen. Ich würde so eine Frau nie verteidigen'", erzählt Müller in der WDR 5 Redezeit. Die Frage, die sich dann stelle: "Wer denn dann? Wollen wir, dass Rechtsradikale, selbst überzeugte Neonazis, auch Neonazis verteidigen? Oder wollen wir eigentlich für unser Rechtssystem, dass alle eine neutrale Verteidigung bekommen?"

Die drei Anwälte Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm sind für die Verteidigung Zschäpes angefeindet worden, haben Morddrohungen erhalten, auch der mediale Druck wurde enorm. Anja Sturm wurde drei Monate nach Prozessbeginn von ihrer Berliner Kanzlei entlassen, keine andere Kanzlei in Berlin wollte sie nehmen. Mit ihren Zwillingen zog sie nach Köln, wo sie in der Kanzlei von Wolfgang Heer unterkam.

"Großer Konflikt und Gratwanderung"

Opfer der NSU

Die Opfer des NSU

Die Dokumentation von Eva Müller ist ein Porträt über die drei Anwälte und wie der NSU-Prozess ihr Leben verändert hat. Es geht um die Rolle der Medien, die über Zschäpe titelten: "Der Teufel hat sich schick gemacht" oder über ihre Verteidiger: "Zschäpe-Anwälte residieren im Vier Jahreszeiten", die in dem Luxushotel in erster Linie aus Sicherheitsgründen unterkamen. Und es geht um die Welt des Rechtssystems und die Frage, ob es für die Angeklagte ein Recht auf Schweigen angesichts der Dimension dieses Verbrechens gibt.  

Wichtig sei es ihr gewesen, betont Eva Müller, auch immer wieder die Opfer und ihre Familien in den Film einzubinden, ihre Stimmen zu hören, wo die Angeklagte schweigt. Es sei ein "großer Konflikt und eine Gratwanderung gewesen, weil sie Wiedergutmachung und Wahrheit nicht bekommen."

Mögliche Verschiebung des Sendetermins: Der Film "Heer, Stahl und Sturm" von Eva Müller wird um 22:35 Uhr nur ausgestrahlt, wenn zuvor das Urteil im NSU-Prozess am 11. Juli gesprochen und komplett begründet worden ist. In diesem Fall ist der Film aber bereits am 11. Juli ab 20:15 Uhr in der ARD-Mediathek abrufbar.

Falls sich die Urteilsbegründung über den 11. Juli hinaus erstreckt, verschiebt sich die Ausstrahlung aus rechtlichen Gründen.

Redaktion: Claudia Dammann