Schlechte Nachrichten überbringen, aber wie?

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli

Schlechte Nachrichten überbringen, aber wie?

Der Gynäkologe Jalid Sehouli der Berliner Charité liebt seine orientalische Kultur, aber hat auch seine deutsche Identität. Für den Sohn marokkanischer Eltern steht Wahrhaftigkeit bei Arztgesprächen an erster Stelle.

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli, geboren 1968, ist Leiter der gynäkologischen Klinik der Berliner Charité und ist Experte für gynäkologische Onkologie, mit Schwerpunkt Eierstockkrebs. Der gebürtige Berliner ist der erste arabischstämmige Ordinarius in der Frauenmedizin in Deutschland. Das Virchow-Klinikum im Wedding ist die Klinik, in der seine Mutter einst Stationshilfe gewesen ist, deren Aufgabe es war, sauber zu machen, Patienten zu waschen und zu füttern. „Sie war die Seele der Station“, sagt ihr Sohn heute.

In seinem Alltag als Onkologe ist Sehouli dicht an den Menschen, erlebt er Situationen und Begegnungen, in denen die Art der Gesprächsführung eine existenzielle Bedeutung hat. Tag für Tag führt er Gespräche darüber, wie das Leben weiter gehen kann. Seine Patientinnen kommen aus der ganzen Welt, sogar aus China und Amerika.

Ein einziger Satz kann ein Leben von Grund auf verändern, erst recht bei einer Diagnose. Schwierige oder schlechte Nachrichten gut zu überbringen, ist eine hohe Kunst. Jalid Sehouli, Chefarzt und Geschichtenerzähler mit marokkanischen Wurzeln, hat intensiv nach Leitlinien gesucht, um lebensbedrohliche Diagnosen empathisch-konstruktiv zu vermitteln. So initiierte er 2010 den mehrsprachigen Aufklärungsfilm „Die zweite Stimme“ - für betroffene Frauen und für Ärzte, das war ihm wichtig.

Jalid Sehoulis Vater, ein politischer Flüchtling aus Marokko, der in den 60er-Jahren nach Berlin kam, verdiente anfangs sein Geld als Boxer. Später arbeitete er in einer Fabrik. Die Mutter konnte nicht lesen und schreiben. Zu sechst lebten sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung nicht weit von der Mauer. „Bildung war das Höchste für meine Mutter“, sagt Jalid Sehouli. Aber wichtiger sei, dass sie ihm immer Mut gemacht habe. Keinen arroganten oder naiven Mut, sondern einen bescheidenen Mut, wie er sagt, einen Durchhaltewillen-Mut. Er konnte ihn brauchen. Als Migrant hat sich Jalid Sehouli nie gefühlt. „Das Wort gab es früher gar nicht. Ich bin in Berlin geboren, fühle mich als Berliner, als Deutscher.“

Buchtipps:
Prof. Dr. med. Jalid Sehouli: Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen. Koesel Verlag 2018

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli: Marrakesch. bebra verlag 2018

Redaktion: Beate Wolff

Schlechte Nachrichten überbringen- aber wie? - Jalid Sehouli

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 26.03.2018 | 28:05 Min.

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