Helge Achenbach: "Der ganze Druck ist von mir gefallen"

Helge Achenbach: "Der ganze Druck ist von mir gefallen"

Er war einmal Deutschlands erfolgreichster Kunstberater. Dann wurde er zu einem der bekanntesten Strafgefangenen. Jetzt ist Helge Achenbach wieder frei. Mit WDR 5 spricht er über seinen beispiellosen Aufstieg und seinen tiefen Fall sowie seine Pläne nach der Haft.

Helge Achenbach

Helge Achenbach erzählt vom steilen Aufstieg und tiefen Fall

Es ist ein ungewöhnliches Leben: Er war Student der Sozialpädagogik, AStA-Vorsitzender, Willy-Brandt-Unterstützer und Galeriebesitzer. Er erfand gewissermaßen den Beruf des Kunstberaters und wurde zum Freund und Geschäftspartner von Reichen und Superreichen sowie von Künstlern und Galeristen.

2015 wurde er verurteilt – jetzt ist er frei

Dann folgte der Absturz: 2014 die Verhaftung auf dem Düsseldorfer Flughafen, 2015 die Verurteilung wegen Betrugs zu einer Haftstrafe von sechs Jahren. Der 66-jährige Düsseldorfer hatte Sammler wie den mittlerweile verstorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht mit falschen Rechnungen um insgesamt fast 20 Millionen Euro betrogen. Seit Mittwoch (06.06.2018) ist Helge Achenbach wieder ein freier Mann, nach zwei Drittel seiner Haftzeit wurde er wegen tadelloser Führung vorzeitig entlassen.

Seit Herbst 2017 war Achenbach Freigänger in der JVA Moers und hatte einen Job in der Flüchtlingsbetreuung bei der Diakonie Düsseldorf. Er wohnt zunächst bei seinem Freund Günter Wallraff in Köln. Mit ihm plant er ein Projekt, um verfolgten Künstlern zu helfen.

Das Interview mit Helge Achenbach können Sie hier in Auszügen nachlesen. Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt. Das gesamte Gespräch finden Sie an dieser Stelle auch zum Nachhören.

Verurteilter Kunstberater vor dem Neustart - Helge Achenbach

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 08.06.2018 | 28:14 Min.

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WDR 5: Es gab sicherlich sehr emotionale Momente, als Sie Ihre Kinder und Ihre Familie wiedergesehen haben?

Achenbach: Natürlich. Das Brutalste, was man im Gefängnis erfährt, ist dieses Fremdbestimmt-Sein. Das Gefühl zu haben, abends nicht mehr in die JVA zurück zu müssen, oder nicht mehr reglementiert zu werden, das ist ein unglaublicher Wert, den die meisten Menschen für sich gar nicht mehr kennen. (...)

WDR 5: Sie sind gerade bei Günter Wallraff eingezogen in die WG nach Köln-Ehrenfeld.

Helge Achenbach: Das ist mein WG-Partner. Ich habe heute Morgen beim Frühstück zu ihm gesagt, er sei eigentlich mein persönlicher Bewährungshelfer. Ich habe für meine letzten zwei Jahre noch keinen Bewährungshelfer bekommen, weil die Richter das Gefühl hatten, ich habe alles begriffen. Aber ich freue mich natürlich, Günter Wallraff, einem Freund, sehr nah sein zu können. Er coacht mich ganz gut.

WDR 5: Was hat Sie aus heutiger Sicht verleitet, falsch abzubiegen?

Eine Affenskulptur von  Jörg Immendorff

Achenbachs Kunstwerke, hier eine Affenskulptur von Jörg Immendorff, wurden versteigert

Achenbach: Das  beginnt mit dem jungen Helge Achenbach als Sozialist, als Student, der Häuser besetzte. (…)  Parallel entstand bei mir dieses Interesse an Kunst. (…) Irgendwann gab es die erste kleine Galerie. Da habe ich gemerkt, dass die Kunst, die wir zeigten, Menschen glücklich machte, erfreute, anregte. Damals hatte die Kunst noch einen anderen Wert. Das hat sich schon dramatisch in den 80er, 90er Jahren zu einem Spekulationsmarkt entwickelt. Sie müssen sich vorstellen, Gerhard Richter ... das erste abstrakte Bild habe ich 1977 verkauft, an einen Universitätsprofessor in Münster für 5.500 Mark. Heute ist das ein Bild, das fünf Millionen wert ist. (...) Plötzlich knallten die Preise nach oben, alle haben mitgemacht und ich stand an der Spitze.

WDR 5: Eigentlich erstaunlich, weil Sie eine starke sozialistische Prägung haben und dann Teil dieses kapitalistischen Wahnsinns geworden sind.

Achenbach: Komplett. Ich habe mich sozusagen kaufen lassen. Das ist das, was mich nachts umgetrieben hat: Wie konnte das passieren?

WDR 5: Es war ja keine fremdbestimmte Macht, sondern etwas, was aus Ihrem Inneren heraus eine Faszination ausgelöst hat.

Achenbach: In der  Psychologie würde man sagen, ich war auf der Spur nach Anerkennung, nach Liebe. Ich war ein Junge, der aus einfachen Verhältnissen kam. Ich war beeindruckt, plötzlich mit Privatfliegern fliegen zu können, auf große Yachten eingeladen zu werden, das hat mir irrsinnig Spaß gemacht. Ich habe auch den Menschen nicht mehr zugehört, die mich gewarnt haben: Pass auf, du veränderst dich. (…)

WDR 5: An welchem Punkt, denken Sie heute, wurde daraus schlicht eine kriminelle Energie?

Der Kunstberater Helge Achenbach

Auch sein Narzissmus habe ihn in die Kriminalität getrieben, sagt Achenbach heute

Achenbach: Ich hatte nicht dieses Gen, das mich gewarnt hat, kein Frühwarnsystem. Ich habe mir die Welt auch so zurechtgebacken. Da gehört Naivität dazu. Und noch etwas anderes: Narzissmus – dieses Selbstverliebt-Sein, keine kritische Selbstreflektion. Ich muss heute noch aufpassen, weil ich auch heute noch narzisstisch geprägt bleibe. Ich muss höllisch aufpassen, dass diese Mechanismen des Kontrollierens besser sind. (...)

WDR 5: Sie wurden fast genau auf den Tag vor vier Jahren, am 10. Juni 2014, am Düsseldorfer Flughafen verhaftet. War das nicht fast ein bisschen befreiend?

Achenbach:  Ja klar. Am Anfang merkst du das nicht. Man ist wütend auf alles, nur nicht auf sich selbst. Und irgendwann begreifst du: Du Arsch, du hast es selbst gemacht. Du bis es. Du bist derjenige, der verantwortlich ist. (...) Jeder macht Fehler. Wenn man weiß, dass man einen Fehler gemacht hat, muss man gegen ihn angehen, sich verändern. Man muss aufstehen und etwas Neues machen. (…)

Helge Achenbach im Gericht

2015 beim Prozess im Landgericht Essen

Für mich ist klar geworden, ich bin entmaterialisiert. Das ist ein unglaublich schönes Gefühl. Dieser ganze Druck einer bürgerlichen Leistungsgesellschaft ist von mir gefallen. Ich bin sozusagen frei. Ich habe 1.590 Euro, die ich als Sozialarbeiter bei der Diakonie in Düsseldorf verdient habe. Davon geht viel Geld für die private Krankenversicherung ab, aus der ich nicht herauskomme. Es bleiben 500 bis 600 Euro übrig und ich merke, dass man damit leben kann. (…)

WDR 5: Zum Schluss noch einmal zurück zum Gefängnis. Gab es Momente, wo Tränen flossen, wo Sie verzweifelt waren? Gab es die oft oder weniger oft?

Achenbach: Immer wieder. Am Anfang öfter, später weniger. Ich saß mit Timo, einem Rocker, meinem Freund, auf der Pritsche in meiner Zelle. Er hat fünf kleine Kinder, war wegen einer Schlägerei im Gefängnis gelandet und hoffte, Heiligabend rauszukommen, Amnestie zu kriegen. Er kam nicht raus und war todtraurig, dass er seine Kinder nicht sehen konnte. Wir haben zusammen geheult, weil ich meine Kinder ja auch nicht sehen konnte. (…)

Ich habe so viel erlebt, das reicht für viele, viele Leben. In Zukunft werde ich in kleinen Schritten arbeiten, das habe ich heute Günter Wallraff versprochen – kleine Schritte in meinem sozialen Engagement für Künstler, die in Not sind.

Das Gespräch führte Julia Schöning in der WDR 5 Redezeit in Neugier genügt am 08.06.2018

Redaktion: Jessica Eisermann