"Ich sehe mich als Frühwarnsystem für unsere Gesellschaft"

Porträt Felix Klein

"Ich sehe mich als Frühwarnsystem für unsere Gesellschaft"

Felix Klein, der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, zieht nach rund 100 Tagen im Amt eine erste Bilanz. In der Redezeit fordert er ein konsequentes Vorgehen gegen den wachsenden Antisemitismus.

Die antisemitischen Übergriffe häufen sich. Zuletzt sorgte ein Angriff auf einen jüdischen Wissenschaftler aus den USA in Bonn für Aufsehen. In Berlin stiegen die gemeldeten Vorfälle mit antisemitischem Hintergrund in den letzten Jahren stark an: von 405 im Jahr 2015 auf 590 im Jahr darauf und 947 im Jahr 2017. Die Dunkelziffer, vermuten Experten, ist viel höher.

Ein Problem bei der Beurteilung des Antisemitismus in Deutschland: Es gibt keine Meldepflicht für Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze, außer eben in Berlin. Felix Klein bewertet das als “unglaublich". Er fordert ein bundesweites Meldesystem. Das brauche es allein schon, um die Situation in Deutschland und das Ausmaß von Antisemitismus in Deutschland überhaupt beurteilen zu können. Felix Klein erklärt dazu: "Man hat das Problem unterschätzt. Der Antisemitismus wurde zwar hier und da mit guten Programmen bekämpft. Aber eine systematische Aufarbeitung hat es nicht gegeben. Das ist auch einer der Gründe, warum das Amt des Antisemitismusbeauftragten geschaffen wurde."

Berufen wurde der parteilose Diplomat zum 1. Mai 2018 von Bundesinnenminister Seehofer auf Vorschlag des Zentralrats der Juden in Deutschland. Zuvor war Felix Klein vier Jahre lang im Außenministerium als Sonderbeauftragter für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen weltweit zuständig. Felix Klein ist kein Jude, pflegte aber schon als Jugendlicher intensive Beziehungen zu jüdischen Freunden. Mit 18 reiste er erstmals nach Israel, ist bis heute fasziniert von dem Land und seiner Multikulturalität, wie er sagt. "Ich hatte da zeitlebens eine große Sympathie."

Die Frage, wie eine sinnvolle, lebendige Erinnerungskultur an den Holocaust aussehen sollte, bezeichnet Felix Klein als zweiten Schwerpunkt seines Amtes neben der Bekämpfung des Antisemitismus. Wichtig sei ihm, sagt der 50-Jährige, aber auch der Blick auf Positives: Es gebe heute vielerorts in Deutschland wieder ein lebendiges jüdisches Leben und eine große Aufgeschlossenheit in der Bevölkerung.

Redaktion: Claudia Dammann

"Ich sehe mich als Frühwarnsystem" - Felix Klein

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 06.08.2018 | 28:24 Min.

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