"Lifeline"-Kapitän: "Es ist kein Hobby zu helfen"

Das Flüchtlings-Rettungsschiff der deutschen Hilfsorganisation «Lifeline» kommt inm Hafen von Valletta an.

"Lifeline"-Kapitän: "Es ist kein Hobby zu helfen"

Claus-Peter Reisch rettete Leben und steht jetzt vor Gericht. Der Kapitän des Rettungsschiffs "Lifeline", das über 200 Flüchtlinge vor der libyschen Küste aufnahm, erzählt in der WDR 5 Redezeit von der dramatischen Irrfahrt auf dem Mittelmeer.

Claus-Peter Reisch

Claus-Peter Reisch

"Seeleute sind ganz pragmatische Menschen", sagt Claus-Peter Reisch, "die jedem zur Hilfe eilen, der in Seenot geraten ist." Die Kameradschaft werde groß geschrieben, immerhin könnte es schon morgen einen selbst treffen.
Claus-Peter Reisch kommt aus Bayern, ist 57 Jahre alt. Mit 14 hat er angefangen zu segeln. Bevor er sich in der Seenotrettung engagiert hat, hatte er keine Erfahrung mit in Seenot geratenen Menschen gemacht. "Es ist kein Hobby zu helfen, es ist eine gesetzliche Pflicht", betont er in der WDR 5 Redezeit. Ende Juni dieses Jahres trieben mehr als 200 Flüchtlinge auf einem Boot im Meer vor der libyschen Küste. Das Rettungsschiff "Lifeline" der deutschen Hilfsorganisation "Mission Lifeline" nahm sie auf.

Irrfahrt mit dramatischem Verlauf

Es wurde eine Irrfahrt mit dramatischem Verlauf. Reisch als Kapitän musste mit 234 Flüchtlingen tagelang vor Malta ausharren, bevor er die Erlaubnis bekam, in den Hafen einzulaufen. Italien und Malta verweigerten zunächst ein Anlegen. Das Schiff wurde im Hafen schließlich festgesetzt, Reisch muss sich wegen des Vorwurfs nicht korrekter Zulassungspapiere vor Gericht verantworten. Derzeit darf er auf Kaution das Land verlassen und befindet sich in seiner bayerischen Heimat.

Kapitän der "Lifeline" - Claus-Peter Reisch

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 25.07.2018 | 27:20 Min.

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"Sie wären schlicht und ergreifend gestorben"

In der Redezeit schildert er die dramatischen Tage der Irrfahrt. "Fünf unnötige Tage", sagt er. "Die Seenotstelle in Rom hat uns an die Libyer verwiesen, die Libyer geben keine Antwort. Dann fragen Sie wieder – es ist wie eine Katze, die sich in den Schwanz beißt." Reisch beschreibt, wie die Libyer die Flüchtlinge von ihrem Schiff holen wollten, was er mit seiner Mannschaft verhindert habe. "Die Menschen springen als erstes ins Wasser und sind lieber tot, als dass sie bei den Libyern aufs Schiff gehen." Auch alle Gesetze, wie die Genfer Flüchtlingskonvention, würden dagegen sprechen.

Tagelang seien sie auf und ab gefahren – zuletzt "bei fünf Windstärken und Seegang bis 2,50 Meter", so Reisch. Es gab eine medizinische Notfallevakuierung, 150 Menschen wurden schwer seekrank . "Drei mussten bei uns im Bordhospital, das ausgestattet ist wie ein Notarztwagen, behandelt werden, sonst wären sie schlicht und ergreifend gestorben."

"Wie perfide ist die Welt?"

Derzeit findet so gut wie keine zivile Seenotrettung mehr statt. "Man versucht die Schiffe, auch Flugzeuge, systematisch aus der "Search and Rescue-Zone" wegzuhalten", kritisiert Claus-Peter Reisch. "Damit wird ein Vorhang vor dieses Drama gezogen und niemand sieht mehr, dass dort Menschen in Seenot sind." Hinter diesem Vorhang passierten schreckliche Dinge. "Was Sie dort hören und sehen, hätte ich mir nie vorstellen können."

Den Vorwurf, zivile Seenotretter würden mit Schleppern kooperieren, bis hin dazu, "Shuttleservice nach Europa" zu sein, weist er zurück, kann nur fassungslos den Kopf schütteln. "Wenn wir mit ihnen zusammenarbeiten würden, was populistische Behauptungen sind, dann würden doch jetzt, wo keine NGO-Schiffe unterwegs sind, auch keine Menschen aufs Wasser geschickt werden." In der Asyl-Diskussion hierzulande wird auch die Frage laut: Was passiert, wenn wir nicht mehr helfen? "Wie perfide ist die Welt, wenn wir darüber nachdenken, ob wir Menschen ertrinken lassen?", so Reisch.

Am kommenden Montag (30.07.2018) muss er wieder vor Gericht. Ihm droht bei Verurteilung bis zu ein Jahr Haft. Für Claus-Peter Reisch ist es ein Politikum. "Ich fahre hin und stelle mich der Sache. Das fechte ich bis zum bitteren Ende durch."

Redaktion: Julia Lührs und Heiko Hillebrand