Wem gehört die "Kolonialkunst"?

Afrikanische Skulptur und Besucherin der Kunsthalle

Wem gehört die "Kolonialkunst"?

In Deutschland und in Frankreich wird derzeit intensiv über die sogenannte "Raubkunst" diskutiert. "Redezeit"-Gast Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin an der TU Berlin, kennt die Hintergründe.

Mission: Wiedergutmachung. Einen starken Impus dafür, dass die Diskussion jetzt so aufflammt, hat der französische Präsident Macron gegeben: In einer Rede in Ouagadougou/Burkina Faso sagte er, er könne nicht hinnehmen, dass sich große Teile des afrikanischen Kulturerbes in Frankreich befänden – und ließ den Worten Taten folgen, indem er den senegalesischen Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr sowie die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy als Berater zur Umsetzung möglicher Rückgaben in großem Stil einsetzte.

Bénédicte Savoy

Bénédicte Savoy, die seit 20 Jahren an der TU Berlin lehrt, steht im Zentrum der meisten Diskussionen um die Raubkunst; die Leibniz-Preisträgerin ist einer der angesehendsten Expertinnen beim Thema der Provenienzforschung, die sich mit der Herkunftsgeschichte von Kunstwerken und Kulturgegenständen beschäftigt. "Es geht um eine faire Haltung zum Kulturerbe der Menschheit," sagt die 46-Jährige. Über 90 Prozent der Kulturgüter ehemaliger afrikanischer Kolonien seien "bei uns" im Westen. Entscheidend sei nun, herauszufinden, wie eine gerechtere Verteilung erreicht werden kann – notfalls auch ohne top-moderne Museen vor Ort. "Die Voraussetzungen bestimmen nicht wir. Das müssen diejenigen bestimmen, die den Wunsch haben, mit diesen Objekten wieder etwas zu beginnen."

In Sachen Provenienzforschung sieht Bénédicte Savoy in Deutschland noch großen Nachholbedarf – etwa bei den vielen Exponaten aus den früheren Kolonien, die in den Depots der Stiftung Preußischer Kulturbesitz lagern. Für sie sei es dabei weniger wichtig zu wissen, welche Funktion ein Gegenstand ursprünglich hatte, als zu erfahren, unter welchen Umständen er hierher gekommen sei, sagt die Kunsthistorikerin. "Ich will ja auch wissen, woher mein Steak kommt. Beim Essen erfährt man es auf der Verpackung. Dasselbe sollte auch für geistige Nahrung gelten. Ich will wissen, wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft, wie viel wissenschaftlicher Ehrgeiz darin steckt, wie viel archäologisches Glück."

Literaturtipp

Bénédicte Savoy: Die Provenienz der Kultur A. d. Franz. v. H. Zischler u. P. Sissis; Matthes & Seitz; 80 S., 10,– €. ISBN 978-3-95757-568-5

Redaktion: Claudia Dammann

Wem gehört die "Kolonialkunst"? mit Bénédicte Savoy

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 15.06.2018 | 29:30 Min.

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