"Afrika wird arm gemacht"

Veye Tatah

"Afrika wird arm gemacht"

Armut, Hunger und Kriege prägen das Bild von Afrika. Dabei ist das nur die halbe Wahrheit. Veye Tatah rückt ihre Heimat mit ihrer Zeitschrift "Africa Positive" in ein anderes Licht. Dennoch hofft sie auf eine afrikanische Revolution und plädiert für die Abschaffung der Entwicklungshilfe.

Mit 19 Jahren kam Veye Tatah aus Kamerun nach Deutschland, um hier Informatik zu studieren. Da sie das Afrika-Bild von Hunger, Krieg und Krisen erschaudern ließ, gründete sie in Dortmund die Zeitschrift "Africa Positive". Darin erzählt sie positive Geschichten, etwa aus Botswana. "Botswana ist ein Erfolgsmodell in Afrika. Der Lebensstandard in Botswana ist so hoch wie in Europa, nur keiner redet darüber." Obwohl sich das Bild von Afrika in Deutschland mittlerweile verändert habe, sei es immer noch verzerrt. Viele Deutsche glaubten: "Afrika ist nur Armut, es gibt keine Infrastruktur, es gibt nur dumme Leute, nichts läuft da, es ist eine Katastrophe", so Veye Tatah in der Redezeit. "Das finde ich schade."

Braucht es einen afrikanischen Frühling? - Veye Tatah

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 10.07.2018 | 27:50 Min.

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Afrikanische Revolution

Dennoch müsse sich in den Ländern Afrikas dringend etwas ändern. Viele Staaten würden von alten Männern regiert, die in der Kolonialzeit in Missionarsschulen in Frankreich oder England ausgebildet wurden. Es sei Zeit für eine friedliche Revolution. "Die jungen Afrikaner müssen Selbstbewusstsein aufbauen. Die müssen wissen: Das Schicksal Afrikas, die Entwicklung unserer Länder, liegt in unseren Händen. Wir müssen wieder Verantwortung übernehmen." Der Impuls müsse zwar aus der Bevölkerung selbst kommen, aber auch Europa könne helfen – doch ausdrücklich nicht mit Geld, sagt Veye Tatah. "Die Europäer unterstützen meistens die alten Männer, die an der Macht sind jahrelang mit Militär und mit Entwicklungshilfe. Die halten ihre Bevölkerung in Armut, aber werden von Europa hofiert. Das muss langsam aufhören. Man kann nicht auf der einen Seite die Flüchtlinge in Afrika halten und auf der anderen Seite diese Diktatoren mit rotem Teppich empfangen."

Reich an Rohstoffen und trotzdem arm

"Afrika ist reich an Rohstoffen, Afrika ist eigentlich kein armer Kontinent, aber Afrika wird arm gemacht. Und das ist das Problem." Im Morgenecho brachte Veye Tatah diesen Aspekt anschaulich auf den Punkt: "Nehmen wir ein einfaches Land wie Ghana oder die Elfenbeinküste. Die produzieren Kakao. Es gibt keine Fabrik in diesen Ländern, die Schokolade herstellt. Überlegen Sie mal, wenn dort eine Fabrik wäre, die Schokolade herstellt, wie viele Arbeitsplätze dort entstehen könnten." Es seien die westlichen Länder und ihre multinationalem Konzerne, die die Ressourcen des Kontinents ausbeuteten, "indem sie diese kleine Clique durch Korruption, durch Militär und durch Kriege am Markt halten."

Fluchtursachen bekämpfen: "Entwicklungshilfe abschaffen"

WDR 5 Morgenecho - Interview | 10.07.2018 | 05:19 Min.

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Entwicklungshilfe schadet Afrika

Was muss also geschehen? Auch da vertritt die Kamerunerin ein klare Position: "Die Entwicklungshilfe muss abgeschafft werden." Sie sei ein Werkzeug, um die afrikanischen Länder in Abhängigkeit zu halten. Sie habe dazu geführt, dass die Menschen passiv geworden seien und keine Eigeninitiative mehr zeigen würden. "Wenn man diese Entwicklungshilfe erstmal abschaffen würde, hätte die Regierung viel mehr Zeit, sich mit ihren eigenen Bürgern zu beschäftigen", meint Veye Tatah. Die Regierung müsste sich darüber Gedanken machen, wie sich die wirtschaftlichen Strukturen verbessern ließen. Das würde wiederum Arbeitsplätze schaffen. "Wenn das Geld nicht von außen kommt, muss die Regierung überlegen, wie sie das Geld von innen kriegt." Aktuell sei es leider so, dass viele Staatschefs sich lieber selbst bereicherten und Steuergesetze verabschiedeten, die jeden kleinen Unternehmer behindern zu wachsen.

Sehnsuchtsort Europa

Dass viele Afrikaner versuchen, nach Europa zu kommen, kann Veye Tatah gut nachvollziehen. Sie selbst hat als Jugendliche von Europa geträumt – obwohl sie aus gutem Hause kam, gute Schulbildung genoss und sie nie Hunger leiden musste. "Als ich zehn war, habe ich zu meinen Eltern gesagt: Irgendwann setze ich mich ins Flugzeug nach Europa. Europa und Amerika – das war für uns Kinder immer das Paradies. Man sieht nie Armut im Westen. Alles ist schön und friedlich." In Deutschland erfuhr sie, dass das Paradies auch seine Schattenseiten hat: "Deutschland ist ein Paradies, aber nur für die Deutschen, nicht für die Afrikaner. Der Hass, der mir entgegenschlug... Ich wusste nicht, dass man abgelehnt wird wegen seiner Hautfarbe. Das war nicht das Paradies, dass man sich vorstellt hat."